Wegen der Coronakrise abgesagt: Siegfried Reusch: Weder Gefühl noch Vernunft. Eine Philosophie der Liebe | 24.03.2020

24. März 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Nichts bestimmt unser aller Leben mehr als die Liebe. Kaum ein Film und nur die wenigsten Romanhandlungen kommen ohne irgendeine Form der Liebe und der mit ihr verbundenen Gefühlsregungen aus. Zugleich ist nichts so individuell wie das, was wir Liebe nennen. Liebe, so scheint es, ist gleichermaßen elementarste Form menschlicher Beziehung wie Sehnsuchtsort und Fluchtpunkt aller Gefühle. Aber ist Liebe überhaupt ein Gefühl? Lässt sich Liebe mit den Mitteln aufgeklärter wissenschaftlicher Vernunft nicht besser evolutionsbiologisch erklären? Oder hat das Herz, wie Blaise Pascal schreibt, nur seine eigene Logik? Was ist es, das man in einem anderen Menschen „liebt“?  

Welche Eigenschaften werden so stark mit einem Glücksversprechen verbunden, dass mancher gar Familie, Haus und Hof verlässt, nur um seiner Liebe zu folgen?

Dr. phil. Dipl.-Chem. Siegfried Reusch, geboren 1963, studierte Chemie und Philosophie in Ulm und Stuttgart. Seit 1995 ist er Verleger, Mitherausgeber und Chefredakteur der deutschsprachigen Zeitschrift „der blaue reiter – Journal für Philosophie“. Sie war von Anfang an, was sie noch heute ist: Ein Solitär in der philosophischen Zeitschriften-Kultur.

Ihr Leitmotiv: „Aus Freude am Denken für die Liebhaber des Denkens“.

Artur Becker: Der „Drang nach Osten“ und „Kosmopolen“ | 21.01.2020

21. Januar 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Lesung und Gespräch: Artur Becker und Gerwig Epkes

Eine anderes Bild von Europa wünscht sich der Schriftsteller Artur Becker. Bei der Lesung aus seinem neu erschienenen Roman „Drang nach Osten“ wandte sich Becker einerseits gegen das Europa-Bild, die EU für „eine Milchkuh aus Brüssel“ zu halten, sich einzig an gemeinsamen wirtschaftlichen Perspektiven zu orientieren. Aber auch die Trauer über den Verlust geistiger Identitäten wie in „Das Land Urlu“ von Czeslaw Milosz führe letztlich nicht weiter.

Vor 40 Gästen der PHL plädierte Artur Becker für eine neue Identität des Nationalen im größeren Ganzen der europäischen Staaten. Als „Kosmopolen“ bezeichnete er sich deshalb – und übernahm ironisch die Bereitschaft, als „Präsident der Kosmopolen“ zu fungieren. Solche neuen Formen der Gemeinschaft müssten einen Platz bieten auch für „verwirrte und unentschlossene Geister“.

Becker kritisierte die Bemerkung von Marcel Reich-Ranicki, polnische Schriftstellerinnen und Schriftsteller würden letztlich nur Lyrik zustande bringen. Das Werk von Olga Tokarczuk sei ein Beweis des Gegenteils. Und auch mit der Lesung aus seinem eigenen Roman „Drang nach Osten“ strafte Becker den großen MMR Lügen, gab mit den Szenen aus dem Polen der Nachkriegszeit Zeugnis für eine Geschichte, die lebendig bleibt, auch wenn sie abgeschlossen zu sein scheint.

Fulminant und vielschichtig erzählt Artur Beckers Roman unter anderem von der Erfindung neuer Identitäten im Nachkriegspolen, in dem Polen keine Handlanger der Deutschen gewesen sein durften und Deutsche selbst ihre Identität verleugnen musssten. Ein Roman, wie er zu diesem Thema noch nie geschrieben wurde.

Artur Becker, 1968 geboren als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Bartoszyce (Masuren), lebt seit 1985 in Deutschland. Studium der Kulturgeschichte Osteuropas und der Deutschen Literatur- und Sprachwissenschaft. Er schreibt Gedichte, Romane, Novellen, Erzählungen, Essays, Aufsätze und Rezensionen und ist auch als Übersetzer tätig.

2009 wurde er mit dem renommierten Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung ausgezeichnet.

Zuletzt erschienen sein Roman Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken (2008), Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang (2013) und Drang nach Osten (2019), geschrieben in deutscher Sprache, seiner, wie er es nennt, „Literatursprache“, seiner „Dienstsprache“.

Christoph Rüter: „Hans Blumenberg. Der unsichtbare Philosoph“ | 11.02.2020

Filmvorführung im Kino „moviac“ mit Regisseur Christoph Rüter

19 Uhr 30 – Kino „moviac“, Sophienstraße 22 – Eintritt: 9,50€

Hans Blumenberg ist einer der einflussreichsten deutschen Philosophen der Nachkriegszeit. Sein Thema ist der Mensch, der über die Jahrhunderte hinweg um seine Selbstbehauptung gegen den
Absolutismus der Wirklichkeit kämpft. Distanz zum Übermächtigen zu schaffen: diesen Vorgang
nennt Blumenberg das „Abenteuer des Denkens“.

Der Film von Christoph Rüter ist eine Spurensuche quer durch Deutschland. Von Blumenbergs Heimatstadt Lübeck führt der Weg über Münster, Heidelberg, Marbach, Stuttgart, München bis nach Zürich. An allen Orten kommen Zeugen zu Wort, die von Blumenbergs Charakter und seiner großen Präsenz berichten. Aus dem besten Absolventen des Abiturs 1939 in Schleswig-Holstein wird der angefeindete „Halbjude“, der während der NS-Zeit in Lebensgefahr schwebt und sich für einen Monat auf einem Dachboden in Lübeck verstecken muss. Aus ihm wird ein hochanerkannter Philosoph und Essayist, der die Entwicklung des europäischen Denkens in vielseitigen Büchern verständlich macht.

Christoph Rüter, geb. 1957, war 1985–89 Dramaturg an der Freien Volksbühne West-Berlin und hat u.a. mit Thomas Brasch, Hans Neuenfels, Heiner Müller und Bob Wilson zusammengearbeitet. In zahlreichen Filmen porträtiert Rüter große Künstler und Intellektuelle, darunter Ulriche Mühe, Heiner Müller, Jörg Fauser, Klaus Kinski, Ulrich Wildgruber, Ute Lemper.

Nach dem Kinobesuch gibt es Gelegenheit zur Diskussion mit Christoph Rüter im Kaminsaal des
Atlantic-Parkhotels.