Jochen Schimmang: Laborschläfer

Am 3. Mai 2022 • 20.15 Uhr • Spiegelsaal • Kurhaus Baden-Baden

Schimmangs Hauptfigur, Rainer Roloff, ein studierter Soziologe mit „gebrochener Erwerbsbiografie“, führt als Privatgelehrter ein zurückgezogenes Leben. Als Proband einer Langzeitstudie zum Einfluss des Schlafs auf das Gedächtnis, bessert er seine schmale Rente auf. Dank seines Elefantengedächtnisses und seiner ausgeprägten Sensibilität für den Zusammenhang zwischen kollektiver und persönlicher Geschichte imaginiert er in seinen Traum-Protokollen eine „absurd-spielerische Historiografie der Bundesrepublik“ (H. Böttiger), die wir heute kennenlernen.

„Es geht mir hier … um das, was überhaupt erst die Literatur zum Atmen bringt und ein Buch lebendig werden lässt: das richtige Lesen. Wir sind uns einig, dass ein Buch, das nicht gerade irgendwo auf der Welt von einem richtigen Leser gelesen wird, mausetot ist. Einig sind wir uns vermutlich auch, dass das richtige Lesen eine der denkbar asozialsten Tätigkeiten überhaupt ist, denn wenn wir lesen, können wir keine Gesellschaft gebrauchen, zumindest keine menschliche, und ob unser Lesen jemals der Gesellschaft zugute kommt, steht dahin“. So Jochen Schimmang.

Schimmang, geboren 1948, lebt heute als freier Schriftsteller und Übersetzer in Oldenburg. Seine Bücher, um nur drei zu nennen „Der schöne Vogel Phönix“, „Grenzen, Ränder, Niemandsländer“, „Adorno wohnt hier nicht mehr“, sind zum festen Bestandteil der deutschen Nachkriegsliteratur geworden. 2021 erhielt er den „Italo-Svevo-Preis“ für sein Lebenswerk.

Foto: Karin Eickenberg

Flaubert übersetzen – Ein Abend mit Elisabeth Edl • 22.03.2022

22. März 2022 • 20.15 Uhr • Spiegelsaal • Kurhaus Baden-Baden

Traduire, c’est trahir, dass dem nicht so ist, beweist uns Elisabeth Edl mit ihrer von den Medien geradezu umjubelten Übertragung von Gustave Flauberts Meisterwerk „L’Éducation sentimentale“.

Bisher übersetzt mit „Erziehung des Herzens“ oder „Lehrjahre des Gefühls“, hat Edl sich für „Lehrjahre der Männlichkeit. Geschichte einer Jugend“ entschieden und uns beim Wiederlesen einen neuen Zugang zu diesem einzigartigen Roman geschenkt.

Stellvertretend für die vielen Lobeshymnen möge die Wertung von Andreas Isenschmid, einem profunden Literaturkritiker, Ihnen zeigen, welch literarisches Ereignis Sie erwartet:

Die ‚Lehrjahre‘ gehören zu den wenigen Romanen, die wahrhaft die Totalität einer ganzen Epoche darstellen… Das ist die gelungenste Klassiker-Ausgabe, die es seit Schönes ‚Faust‘ und Birus‘ ‚Divan‘ hierzulande zu kaufen gibt. Das 70-seitige Nachwort ist eine brillante Monografie für sich. Die 150 Seiten umfassenden Anmerkungen mit traumhaft gut gemachten Hinweisen zu Text und Textgeschichte sind von hoher Qualität … Erstmals liegt eine Übersetzung vor, die dem Präzisions- und Rhythmus-Fanatiker Flaubert vollauf gerecht wird.“ (Die Zeit, 08.10.20.)

Elisabeth Edl lehrte von 1983 bis 1995 deutsche Sprache und Literatur an der Universität und der École supérieure de commerce in Poitiers. Seit 1995 arbeitet sie als Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin in München. Für ihre Übersetzungen und Editionen französischer Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. 2009 wurde sie zum Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gewählt und zum Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres der Republik Frankreich ernannt.

Eintritt 6 Euro an der Abendkasse. Eine vorherige Reservierung ist nicht nötig.

Wir wissen zum Zeitpunkt noch nicht, welche Coronaregeln am 22. März gelten werden. Unter diesem Vorbehalt bitten wir Sie zu beachten, dass der Einlass zur Veranstaltung leider nur nach den gültigen Coronaregeln (2G) möglich ist, bitte bringen Sie die entsprechenden Dokumente mit.

Foto: D. P. Gruffot

Wilm Hüffer: „Der Philosoph“ – Ein Roman über Selbsterkenntnis und Verblendung | 26.10.2021

26. Oktober 2021 • 20.15 Uhr • Spiegelsaal • Kurhaus Baden-Baden

In uns allen schlummert der Wunsch nach Selbsterkenntnis. Dieser Roman handelt von Menschen, die ihn sich zu erfüllen versuchen. Und sich dabei erstaunlichen Einsichten nähern, doch ebenso dramatisch an ihren Ansprüchen scheitern.

Kein Wunder, wenn man sich auf den Spuren Hegels befindet. So wie Felix, der temporäre Praktikant und Bettgefährte einer Starreporterin. Als seine anrüchige Freundin das Privatleben des berühmten Philosophen Hinrich Giers untersucht, glaubt er sich endlich Respekt bei ihr verschaffen zu können. Will den Philosophen, der im mondänen Kurbad Binsenburg Zuflucht gesucht hat, für die Öffentlichkeit zurückgewinnen – und mit ihm im Rampenlicht stehen, wenn der Philosoph seine bahnbrechende Theorie der Selbsterkenntnis präsentiert.

Eine ironische Posse mit einem unglaubwürdigen Erzähler – und der eher unbequemen Hegelschen Einsicht in die Widersprüchlichkeit des eigenen Denkens: Auf besondere Weise blind zu sein, je näher man sich echter Selbsterkenntnis glaubt.

Wilm Hüffer, geboren 1972 in Münster, hat in Leipzig und Köln Philosophie und Geschichte studiert. Er ist Radiomoderator beim Südwestrundfunk in Baden-Baden.

Eintritt 6 Euro an der Abendkasse. Eine vorherige Reservierung ist nicht nötig.

Für die Veranstaltung im Kurhaus gilt eine strikte 2G-Regelung, bitte bringen Sie die entsprechenden Dokumente mit.

Foto: Oliver Reuter

Wegen der Coronakrise abgesagt: Siegfried Reusch: Weder Gefühl noch Vernunft. Eine Philosophie der Liebe | 24.03.2020

24. März 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Nichts bestimmt unser aller Leben mehr als die Liebe. Kaum ein Film und nur die wenigsten Romanhandlungen kommen ohne irgendeine Form der Liebe und der mit ihr verbundenen Gefühlsregungen aus. Zugleich ist nichts so individuell wie das, was wir Liebe nennen. Liebe, so scheint es, ist gleichermaßen elementarste Form menschlicher Beziehung wie Sehnsuchtsort und Fluchtpunkt aller Gefühle. Aber ist Liebe überhaupt ein Gefühl? Lässt sich Liebe mit den Mitteln aufgeklärter wissenschaftlicher Vernunft nicht besser evolutionsbiologisch erklären? Oder hat das Herz, wie Blaise Pascal schreibt, nur seine eigene Logik? Was ist es, das man in einem anderen Menschen „liebt“?  

Welche Eigenschaften werden so stark mit einem Glücksversprechen verbunden, dass mancher gar Familie, Haus und Hof verlässt, nur um seiner Liebe zu folgen?

Dr. phil. Dipl.-Chem. Siegfried Reusch, geboren 1963, studierte Chemie und Philosophie in Ulm und Stuttgart. Seit 1995 ist er Verleger, Mitherausgeber und Chefredakteur der deutschsprachigen Zeitschrift „der blaue reiter – Journal für Philosophie“. Sie war von Anfang an, was sie noch heute ist: Ein Solitär in der philosophischen Zeitschriften-Kultur.

Ihr Leitmotiv: „Aus Freude am Denken für die Liebhaber des Denkens“.

Wegen der Coronakrise abgesagt: Johann Michael Möller: Der Osten – eine politische Himmelsrichtung | 21.04.2020

21. April 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Nicht das Ende der Geschichte sah Pierre Bourdieu im Epochenjahr 1989 gekommen, sondern ihr Wiedererwachen. Die Welt des Ostens kehrte mit Macht ins Bewusstsein der Gegenwart zurück. Die sich vom Sowjetkommunismus befreienden Völker Mitteleuropas gründeten ihre Hoffnungen auf eine sich nach Osten hin erweiternde europäische Union. Was ist von diesen Erwartungen geblieben? Warum sind wir uns so fremd geworden?

Der Westen Europas steht dem östlichen Teil des Kontinents heute ratlos gegenüber. Er versteht ihn nicht und will ihn nicht verstehen. Die postnationale Welt trifft auf selbstbewusste Nationen, die sich Europa zugehörig fühlen, aber den Nachahmungsimperativ des Westens, so der Politikwissenschaftler Ivan Krastev, als kulturelle Bedrohung empfinden.

Johann Michael Möller war jahrzehntelang im östlichen Teil Deutschlands und Europas unterwegs und hat darüber ein Buch geschrieben, das gängigen Wahrnehmungen widerspricht. „Mal dicht beschreibend, mal historisch reflektierend reist er zwischen Baltikum und Balkan und wundert sich, so der Historiker Karl Schlögel, über „die bis heute anhaltende Selbstbeschränkung auf einen bloß westlichen Erfahrungsraum.“

Johann Michael Möller, geb. 1955, war zuletzt Hörfunkdirektor des MDR. Er ist Herausgeber der deutsch-russischen Zeitung Petersburger Dialog. Sein Buch Der Osten – eine politische Himmelsrichtung erschien 2019 im Verlag zu Klampen.

Foto: © Marco Prosch, Leipzig

Wegen Coronakrise verschoben: Eike Gebhardt: Jürgen Habermas – Philosophie als Utopie? | 27.10.2020

27. Oktober 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Jürgen Habermas ist einer der weltweit bekanntesten Philosophen. Und zweifellos ein schwieriger Autor. Bis heute lautet die Frage: Was treibt ihn eigentlich um? Früh kritisierten ihn Vertreter der Frankfurter Schule, er habe die Skepsis der Kritischen Theorie verraten.

War die Theorie des Kommunikativen Handelns am Ende nur ein politisch unverbindliches philosophisches Glasperlenspiel? Es ist Zeit für eine gründliche Neubewertung: Immer scheint Habermas auf dem Weg zu einer Legitimierung der modernen, auf Vernunft gegründeten Gesellschaft. Er versucht ihr Vernunftpotential in der alltäglichen Kommunikation und den daraus folgenden Entscheidungsprozessen zu retten. Und möchte sie mit religiösen Traditionen versöhnen, wie in seinem jüngst erschienenen Buch Auch eine Geschichte der Philosophie (Suhrkamp).

Verbirgt sich in seinem Werk womöglich eine radikale Vision? Eine Idee, die sich bewusst zahm gibt, sich verschlüsselt, um nicht radikale Widerstände zu provozieren? Ist Jürgen Habermas am Ende – ein Utopist?

Dr. Eike Gebhardt, geb. 1942, Studium der Amerikanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften an der FU-Berlin und der Yale University, Promotion 1972 (M.A.; Ph. D.). Er war 13 Jahre Hochschullehrer, zuletzt als Professor an der City University of New York, Graduate School. Eike Gebhardt lebt heute in Berlin.

Foto: © C. Giese

Artur Becker: Der „Drang nach Osten“ und „Kosmopolen“ | 21.01.2020

21. Januar 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Lesung und Gespräch: Artur Becker und Gerwig Epkes

Eine anderes Bild von Europa wünscht sich der Schriftsteller Artur Becker. Bei der Lesung aus seinem neu erschienenen Roman „Drang nach Osten“ wandte sich Becker einerseits gegen das Europa-Bild, die EU für „eine Milchkuh aus Brüssel“ zu halten, sich einzig an gemeinsamen wirtschaftlichen Perspektiven zu orientieren. Aber auch die Trauer über den Verlust geistiger Identitäten wie in „Das Land Urlu“ von Czeslaw Milosz führe letztlich nicht weiter.

Vor 40 Gästen der PHL plädierte Artur Becker für eine neue Identität des Nationalen im größeren Ganzen der europäischen Staaten. Als „Kosmopolen“ bezeichnete er sich deshalb – und übernahm ironisch die Bereitschaft, als „Präsident der Kosmopolen“ zu fungieren. Solche neuen Formen der Gemeinschaft müssten einen Platz bieten auch für „verwirrte und unentschlossene Geister“.

Becker kritisierte die Bemerkung von Marcel Reich-Ranicki, polnische Schriftstellerinnen und Schriftsteller würden letztlich nur Lyrik zustande bringen. Das Werk von Olga Tokarczuk sei ein Beweis des Gegenteils. Und auch mit der Lesung aus seinem eigenen Roman „Drang nach Osten“ strafte Becker den großen MMR Lügen, gab mit den Szenen aus dem Polen der Nachkriegszeit Zeugnis für eine Geschichte, die lebendig bleibt, auch wenn sie abgeschlossen zu sein scheint.

Fulminant und vielschichtig erzählt Artur Beckers Roman unter anderem von der Erfindung neuer Identitäten im Nachkriegspolen, in dem Polen keine Handlanger der Deutschen gewesen sein durften und Deutsche selbst ihre Identität verleugnen musssten. Ein Roman, wie er zu diesem Thema noch nie geschrieben wurde.

Artur Becker, 1968 geboren als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Bartoszyce (Masuren), lebt seit 1985 in Deutschland. Studium der Kulturgeschichte Osteuropas und der Deutschen Literatur- und Sprachwissenschaft. Er schreibt Gedichte, Romane, Novellen, Erzählungen, Essays, Aufsätze und Rezensionen und ist auch als Übersetzer tätig.

2009 wurde er mit dem renommierten Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung ausgezeichnet.

Zuletzt erschienen sein Roman Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken (2008), Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang (2013) und Drang nach Osten (2019), geschrieben in deutscher Sprache, seiner, wie er es nennt, „Literatursprache“, seiner „Dienstsprache“.

Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929 | 12.11.2019

Ernst Cassirer, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein und Walter Benjamin: Die vier großen Philosophen lösen in den Jahren der Weimarer Republik einen Gedankenschub aus, der die Philosophie aus Sicht von Wolfram Eilenberger bis heute prägt und ihre bedeutenden Denkrichtungen hervorgebracht hat: den Existenzialismus, die Hermeneutik, die Sprachphilosophie und die Dekonstruktion.

Als Zauberer sieht Eilenberger die vier philosophischen Klassiker, weil sie ihr eigenes Denken in radikalen Lebensentwürfen und sei es selbst auf teils fatale Weise glaubwürdig verkörpert hätten. „Denkpersonen“, wie sie der Gegenwart leider fehlten.

„Wenn das Buch Zeit der Zauberer eines zeigt, dann dass Leben und Philosophieren, die Gestaltung des eigenen Lebens und die Durchdringung dieses Lebens mit Gedanken nicht getrennte Bereiche sind und das ist etwas, was wir in der heutigen akademischen Philosophie kaum noch sehen“, so Eilenberger.

Dr. Wolfram Eilenberger, geb. 1972, Philosoph und Publizist, lehrte an der University of Toronto (Kanada), der Indiana University (USA) und an der Berliner Universität der Künste. Ab September 2019 auch an der ETH Zürich. Er ist Gründungschefredakteur des „Philosophie Magazins“, moderiert im Schweizer Fernsehen die „Sternstunden der Philosophie“ und ist Programmleiter der phil. cologne sowie des Berliner Verlags Nicolai Publishing & Intelligence. Sein Buch Zeit der Zauberer (Klett Verlag 2018) wird in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Gunter Gebauer: Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen | 15.10.2019

Bis zum ausgehenden 20. Jahrhundert waren die Massen ein beherrschendes Thema der Politik und Gesellschaft Europas. Die Zeiten, als Massen mobilisiert wurden, sich auf Straßen versammelten und mit Macht historische Veränderungen erzwangen, scheinen endgültig vorbei zu sein. Im Zeitalter des Individualismus haben sie scheinbar ihre Anziehungskraft und Gefährlichkeit verloren.

Ein Irrtum! Von Neuem bewegen Massen große Teile der Gesellschaft. Sie entstehen mithilfe moderner Medien in der Popkultur, in Sport und Konsum, in Protestbewegungen und Revolten, in neuen politischen Formationen und in Flüchtlingsströmen.

Im Unterschied zu den Massen der Vergangenheit bieten sie den Individuen die Möglichkeit, sich eine imaginäre Größe, ihren Äußerungen und Schicksalen eine Öffentlichkeit zu geben.

Prof. Dr. Gunter Gebauer, geb. 1944, ist Professor em. für Philosophie des Sports an der Freien Universität Berlin. Er war u.a. Präsident der Philosophical Society for the Study of Sports und Sprecher des Interdisziplinären Zentrums für Anthropologie. Er übte Gastprofessuren in Paris, Straßburg und Hiroshima aus. Zuletzt erschienen: 2016 Das Leben in 90 Minuten. Eine Philosophie des Fußballs. 2019 Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen.