Artur Becker: Der "Drang nach Osten" und "Kosmopolen" | 21.01.2020

21. Januar 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Lesung und Gespräch: Artur Becker und Gerwig Epkes

Eine anderes Bild von Europa wünscht sich der Schriftsteller Artur Becker. Bei der Lesung aus seinem neu erschienenen Roman „Drang nach Osten“ wandte sich Becker einerseits gegen das Europa-Bild, die EU für „eine Milchkuh aus Brüssel“ zu halten, sich einzig an gemeinsamen wirtschaftlichen Perspektiven zu orientieren. Aber auch die Trauer über den Verlust geistiger Identitäten wie in „Das Land Urlu“ von Czeslaw Milosz führe letztlich nicht weiter.

Vor 40 Gästen der PHL plädierte Artur Becker für eine neue Identität des Nationalen im größeren Ganzen der europäischen Staaten. Als „Kosmopolen“ bezeichnete er sich deshalb – und übernahm ironisch die Bereitschaft, als „Präsident der Kosmopolen“ zu fungieren. Solche neuen Formen der Gemeinschaft müssten einen Platz bieten auch für „verwirrte und unentschlossene Geister“.

Becker kritisierte die Bemerkung von Marcel Reich-Ranicki, polnische Schriftstellerinnen und Schriftsteller würden letztlich nur Lyrik zustande bringen. Das Werk von Olga Tokarczuk sei ein Beweis des Gegenteils. Und auch mit der Lesung aus seinem eigenen Roman „Drang nach Osten“ strafte Becker den großen MMR Lügen, gab mit den Szenen aus dem Polen der Nachkriegszeit Zeugnis für eine Geschichte, die lebendig bleibt, auch wenn sie abgeschlossen zu sein scheint.

Fulminant und vielschichtig erzählt Artur Beckers Roman unter anderem von der Erfindung neuer Identitäten im Nachkriegspolen, in dem Polen keine Handlanger der Deutschen gewesen sein durften und Deutsche selbst ihre Identität verleugnen musssten. Ein Roman, wie er zu diesem Thema noch nie geschrieben wurde.

Artur Becker, 1968 geboren als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Bartoszyce (Masuren), lebt seit 1985 in Deutschland. Studium der Kulturgeschichte Osteuropas und der Deutschen Literatur- und Sprachwissenschaft. Er schreibt Gedichte, Romane, Novellen, Erzählungen, Essays, Aufsätze und Rezensionen und ist auch als Übersetzer tätig.

2009 wurde er mit dem renommierten Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung ausgezeichnet.

Zuletzt erschienen sein Roman Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken (2008), Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang (2013) und Drang nach Osten (2019), geschrieben in deutscher Sprache, seiner, wie er es nennt, „Literatursprache“, seiner „Dienstsprache“.

Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929 | 12.11.2019

Ernst Cassirer, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein und Walter Benjamin: Die vier großen Philosophen lösen in den Jahren der Weimarer Republik einen Gedankenschub aus, der die Philosophie aus Sicht von Wolfram Eilenberger bis heute prägt und ihre bedeutenden Denkrichtungen hervorgebracht hat: den Existenzialismus, die Hermeneutik, die Sprachphilosophie und die Dekonstruktion.

Als Zauberer sieht Eilenberger die vier philosophischen Klassiker, weil sie ihr eigenes Denken in radikalen Lebensentwürfen und sei es selbst auf teils fatale Weise glaubwürdig verkörpert hätten. „Denkpersonen“, wie sie der Gegenwart leider fehlten.

„Wenn das Buch Zeit der Zauberer eines zeigt, dann dass Leben und Philosophieren, die Gestaltung des eigenen Lebens und die Durchdringung dieses Lebens mit Gedanken nicht getrennte Bereiche sind und das ist etwas, was wir in der heutigen akademischen Philosophie kaum noch sehen“, so Eilenberger.

Dr. Wolfram Eilenberger, geb. 1972, Philosoph und Publizist, lehrte an der University of Toronto (Kanada), der Indiana University (USA) und an der Berliner Universität der Künste. Ab September 2019 auch an der ETH Zürich. Er ist Gründungschefredakteur des „Philosophie Magazins“, moderiert im Schweizer Fernsehen die „Sternstunden der Philosophie“ und ist Programmleiter der phil. cologne sowie des Berliner Verlags Nicolai Publishing & Intelligence. Sein Buch Zeit der Zauberer (Klett Verlag 2018) wird in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Gunter Gebauer: Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen | 15.10.2019

Bis zum ausgehenden 20. Jahrhundert waren die Massen ein beherrschendes Thema der Politik und Gesellschaft Europas. Die Zeiten, als Massen mobilisiert wurden, sich auf Straßen versammelten und mit Macht historische Veränderungen erzwangen, scheinen endgültig vorbei zu sein. Im Zeitalter des Individualismus haben sie scheinbar ihre Anziehungskraft und Gefährlichkeit verloren.

Ein Irrtum! Von Neuem bewegen Massen große Teile der Gesellschaft. Sie entstehen mithilfe moderner Medien in der Popkultur, in Sport und Konsum, in Protestbewegungen und Revolten, in neuen politischen Formationen und in Flüchtlingsströmen.

Im Unterschied zu den Massen der Vergangenheit bieten sie den Individuen die Möglichkeit, sich eine imaginäre Größe, ihren Äußerungen und Schicksalen eine Öffentlichkeit zu geben.

Prof. Dr. Gunter Gebauer, geb. 1944, ist Professor em. für Philosophie des Sports an der Freien Universität Berlin. Er war u.a. Präsident der Philosophical Society for the Study of Sports und Sprecher des Interdisziplinären Zentrums für Anthropologie. Er übte Gastprofessuren in Paris, Straßburg und Hiroshima aus. Zuletzt erschienen: 2016 Das Leben in 90 Minuten. Eine Philosophie des Fußballs. 2019 Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen.

Sigfried Reusch: Weder Gefühl noch Vernunft. Eine Philosophie der Liebe | 24.03.2020

24. März 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Nichts bestimmt unser aller Leben mehr als die Liebe. Kaum ein Film und nur die wenigsten Romanhandlungen kommen ohne irgendeine Form der Liebe und der mit ihr verbundenen Gefühlsregungen aus. Zugleich ist nichts so individuell wie das, was wir Liebe nennen. Liebe, so scheint es, ist gleichermaßen elementarste Form menschlicher Beziehung wie Sehnsuchtsort und Fluchtpunkt aller Gefühle. Aber ist Liebe überhaupt ein Gefühl? Lässt sich Liebe mit den Mitteln aufgeklärter wissenschaftlicher Vernunft nicht besser evolutionsbiologisch erklären? Oder hat das Herz, wie Blaise Pascal schreibt, nur seine eigene Logik? Was ist es, das man in einem anderen Menschen „liebt“?  

Welche Eigenschaften werden so stark mit einem Glücksversprechen verbunden, dass mancher gar Familie, Haus und Hof verlässt, nur um seiner Liebe zu folgen?

Dr. phil. Dipl.-Chem. Siegfried Reusch, geboren 1963, studierte Chemie und Philosophie in Ulm und Stuttgart. Seit 1995 ist er Verleger, Mitherausgeber und Chefredakteur der deutschsprachigen Zeitschrift „der blaue reiter – Journal für Philosophie“. Sie war von Anfang an, was sie noch heute ist: Ein Solitär in der philosophischen Zeitschriften-Kultur.

Ihr Leitmotiv: „Aus Freude am Denken für die Liebhaber des Denkens“.