Michael Woll: Zackern an der Tradition. Celans Hölderlinlektüren | 19.05.2020

19. Mai 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Hölderlin begleitet Paul Celan bis zu seinem letzten Band Lichtzwang, aus dem er 1970 zu Hölderlins 200. Geburtstag liest. Wenige Wochen später nimmt er sich in Paris das Leben, auf dem Schreibtisch findet man eine aufgeschlagene Hölderlin-Biographie.

Die Nähe zwischen beiden ist alles andere als selbstverständlich. Celan, dessen Eltern von den Nationalsozialisten ermordet wurden, muss seinen Hölderlin gegen eine Rezeption gewinnen, zu der die Gründung der Hölderlin-Gesellschaft 1943 unter Schirmherrschaft von Joseph Goebbels gehört. Erst in Auseinandersetzung mit dieser Vereinnahmung kann er die Freiheit gewinnen, poetisch Stellung zu Hölderlin zu beziehen.

Wo ein Zeitgenosse spottete, »Hölderlin, wie immer halb verrückt, zackert auch am Pindar«, wendet Celan das ›zum Acker gehen‹ als Gemeinsamkeit der Dichter ins Positive: »und zackere an / der Königszäsur / wie Jener / am Pindar«. Die Lektüre von Gedichten wie Andenken und Ich trink Wein zeigt Celans Umgang mit Hölderlin als Teil dieser mühevollen Spracharbeit.

Dr. Michael Woll, geb. 1985, wiss. Mitarbeiter im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Studium der Germanistik und Mathematik. Lehre in: Osnabrück, Karlsruhe und Nantes/Frankreich. Zuletzt erschienen: Hofmannsthals »Der Schwierige« und seine Interpreten, Wallstein Verlag, 2019.

Foto: © Chris Korner

Michael Krüger: Fahrkarte ohne Rückreise | 24.09.2019

„Gedichte sind misstrauisch, sie behalten für sich, was gesagt werden muss. Sie gehen durch geschlossene Türen ins Freie und reden mit den Steinen. Sie führen uns fort…“

„Einmal einfach“, das heißt für Michael Krüger: Hinreise ohne Rückfahrkarte. Nicht zurück in die neuen Verhältnisse der Entsinnlichung, Speicherung, des Bescheidwissens und der Hetze im Netz.

Krüger schreibt von unterwegs: in Zügen und Hotelzimmern, an verschiedenen Orten Europas. Er ist der Mann mit Notizbuch und Bleistift, überzeugt davon, dass alles noch kürzer gesagt und das Schweigen „überlistet“ werden kann. Es sind Wortmeldungen von unterwegs, von einer Reise ins Offene. An eine Lösung glaubt er freilich nicht – nicht einmal durch das Schreiben.

Michael Krüger, geb. 1943, war langjähriger Verleger des Hanser-Verlages und Herausgeber der Literaturzeitschrift Akzente. Er ist Mitglied in verschiedenen Akademien und Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er schreibt Gedichte, Novellen und Romane.

Für sein Werk und sein Wirken erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Peter-Huchel-Preis und den großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Zuletzt erschienen u.a. die Gedichtbände „Hellwach gehe ich schlafen“ von 2016 und „Einmal einfach“ von 2018.

Volker Meid: Was ist des Teutschen Vaterland? Eine kleine Geschichte der Deutschlandgedichte | 14.05.2019

Lange bevor Deutschland als politische oder nationale Einheit überhaupt gedacht werden konnte, gab es bereits ein dichterisches Sprechen über „unser lant“. Was ist des „Teutschen Vaterland?“ Die Frage ist nicht neu, die Antwort war nie einfach. Außerdem: Welches Deutschland war gemeint neben einer geographischen Definition oder der staatlichen Organisation? Und vor allem: Was war und ist „Deutsch“?

Selbstverständlich kennt auch die politische Lyrik nicht die eine Antwort, sondern nur Antworten. Aber in ihnen spiegelt sich – ironisch, satirisch, aggressiv oder reflektierend – die Geschichte eines Landes, das dann als ‚verspätete Nation‘ wesentlich zu den Katastrophen des 20. Jahrhunderts beitrug. Die in den Deutschlandgedichten registrierten und von Professor Volker Meid in die historischen Zusammenhänge gestellten Erfahrungen können den Blick auf die aktuellen Entwicklungen schärfen auf die rechtsextremen Auswüchse und die geschichtsvergessenen Debatten über eine deutsche ‚Leitkultur‘ oder ‚Identität‘.

Volker Meid arbeitet, nach einer Professur für Neuere deutsche Literatur an der University of Massachusetts, als freier wissenschaftlicher Autor und veröffentlichte zuletzt u. a.: Hear, Germany! Kleine Geschichte der Deutschlandgedichte (2019), Der Dreißigjährige Krieg in der deutschen Barockliteratur (2017).