Michael Woll: Zackern an der Tradition. Celans Hölderlinlektüren

29. November 2022 • 20.15 Uhr • Spiegelsaal • Kurhaus Baden-Baden

Hölderlin begleitet Paul Celan bis zu seinem letzten Band Lichtzwang, aus dem er 1970 zu
Hölderlins 200. Geburtstag liest. Wenige Wochen später nimmt er sich in Paris das Leben, auf dem
Schreibtisch findet man eine aufgeschlagene Hölderlin-Biographie.
Die Nähe zwischen beiden ist alles andere als selbstverständlich. Celan, dessen Eltern von den
Nationalsozialisten ermordet wurden, muss seinen Hölderlin gegen eine Rezeption gewinnen, zu der die Gründung der Hölderlin-Gesellschaft 1943 unter Schirmherrschaft von Joseph Goebbels gehört.
Erst in Auseinandersetzung mit dieser Vereinnahmung kann er die Freiheit gewinnen, poetisch
Stellung zu Hölderlin zu beziehen. Wo ein Zeitgenosse spottete, »Hölderlin, wie immer halb
verrückt, zackert auch am Pindar«, wendet Celan das ›zum Acker gehen‹ als Gemeinsamkeit der
Dichter ins Positive: »und zackere an / der Königszäsur / wie Jener / am Pindar«. Die Lektüre von
Gedichten wie Andenken und Ich trink Wein zeigt Celans Umgang mit Hölderlin als Teil dieser
mühevollen Spracharbeit.


Dr. Michael Woll, geb. 1985, Studium der Germanistik und Mathematik, z.Zt. Feodor-Lynen-Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung an der École Normale Supérieure, Paris.
Zuletzt erschienen: Hofmannsthals »Der Schwierige« und seine Interpreten (2019).

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Die Veranstaltung findet im Spiegelsaal des Kurhaus Baden-Baden statt.
Es wird eine Abendkasse geben.
Ein Büchertisch der Buchhandlung Strass wird für Sie Lektüren bereit halten.

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Foto: Chris Korner

„Alle haben vergessen, dass ich jüdisch bin. Ich nicht“. Andreas Isenschmid eröffnet uns einen neuen Zugang zum Werk von Marcel Proust.

17. November 2022 • 19.30 Uhr • Spiegelsaal • Kurhaus Baden-Baden

Veranstaltung in Kooperation mit der Deutsch-Französischen Gesellschaft

70 Jahre PHL: 1952 – 2022

Was soll an Marcel Proust jüdisch sein? War er nicht katholisch getauft und hat seine
Kindheitssommer im katholischen Illiers verbracht, das er in seinem Roman zu Combray geadelt
hat? Hat er nicht die christliche Kunst über alles geliebt und seinen Roman mit einer Kathedrale
verglichen? Stimmt. Und doch ist in der Tiefe alles anders. Den Hauptteil der warmen Monate
verbrachte Proust in Auteuil im Kreis der Verwandten seiner jüdischen Mutter. Der Antisemitismus
in der Dreyfus-Affäre warf ihn, ob er es wollte oder nicht, auf seine jüdische Herkunft zurück. Und
in seinem Roman gehören zu den wenigen Personen, die in allen Bänden auftreten, die jüdischen
Helden Swann und Bloch, mit denen er sich, wenn man nur genau liest, gerade im Jüdischen auf
abenteuerliche Weise identifiziert. Dieses halb verborgene und doch ganz bestimmende Jüdische ist das Thema von Isenschmid Buch „Der Elefant im Raum. Proust und das Jüdische“.

Andreas Isenschmid ist einer der profiliertesten deutschsprachigen Literaturkritiker. Nach Stationen bei Radio, Fernsehen und Zeitungen (Weltwoche, Tages-Anzeiger, NZZ) ist er heute Mitarbeiter der ZEIT und von 3sat. Zuletzt erschien Marcel Proust (Deutscher Kunstverlag, 2017). Der Elefant im Raum (Hanser Verlag 2022).

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Foto: Paulina Winkler

Eike Gebhardt über Jürgen Habermas – Lebensklugheit: Der Seiltanz politischer Philosophie

18. Oktober 2022 • 20.15 Uhr • Spiegelsaal • Kurhaus Baden-Baden

Kaum ein deutscher Intellektueller hat sich so kontinuierlich in die aktuelle Politik eingemischt wie
Jürgen Habermas – aus Prinzip: Öffentlichkeit war und ist ihm Inbegriff und Medium der
Demokratie. Längst aber ist diese nicht mehr, wie idealtypisch während der Aufklärung, die Arena
individueller Lebenswirklichkeiten, die ihre jeweiligen Geltungsansprüche verhandeln.
So jedenfalls beschrieb sie Habermas vor 60 Jahren in seinem epochalen Werk. Und heute?
Massenmedien, Digitalisierung und Globalisierung: Haben diese das Ideal beschädigt – oder ihm
neue Chancen beschert?
Soeben ist sein Neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit erschienen, der sogar in der Aufmachung an den Klassiker anschließt. Was ist geschehen mit der einstigen Rollenverteilung in Demokratien?


Dr. Eike Gebhardt, geb. 1942, Studium der Amerikanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften an der FU-Berlin und der Yale University, Promotion 1972 (M.A.; Ph.D). Er war 13 Jahre Hochschullehrer, zuletzt als Professor an der City University of New York, Graduate School. Eike Gebhardt lebt heute in Berlin. 

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Foto:  C. Giese

Tobias Roth über Gaspard Kœnigs Buch: Mit Montaigne auf Reisen

27. September 2022 • 20.15 Uhr • Spiegelsaal • Kurhaus Baden-Baden

Schon zum zweiten Mal betätigt sich der Lyriker Tobias Roth als kongenialer Übersetzer des französischen Starphilosophen Gaspard Kœnig und begibt sich mit ihm auf eine unglaubliche Reise. Kœnig wiederholt die Tour de Force des Philosophen und Essayisten Montaigne. Der reiste 1580 von seinem Landsitz im Südwesten Frankreichs bis nach Rom und benötigte dafür eineinhalb Jahre. Kœnig folgt dabei nicht nur der Reiseroute seines philosophischen Vorgängers. Wie Montaigne reist auch er dabei zu Pferd. Das klingt zunächst wie eine ehrgeizige Form des Eskapismus, nach Hape Kerkeling und dem Wunsch, „dann mal weg“ sein zu wollen. „Mit Montaigne auf Reisen“ liegt jedoch ein anspruchsvolles philosophisches Programm zugrunde: die Wiedereinübung des Individualismus. Ganz auf sich selbst gestellt versucht Kœnig, im Zufall der Begegnungen das eigene Leben und das selbst bestimmte Schicksal wiederzuentdecken. Ein Gegenprogramm zur Digitalisierung der Massen, deren Gefahren der Philosoph zuvor in seinem Bestseller „Das Ende des Individualismus“ beschrieben hatte.

Dr. Tobias Roth, Jahrgang 1985, ist Lyriker, Übersetzer und Essayist und wurde für seine vielfältigen Arbeiten bereits zweimal mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet. Neben seinen eigenen Anthologien stehen Übersetzungen unter anderem von Voltaire, Erasmus von Rotterdam und Stephen Greenblatt. Er ist Gründungsgesellschafter des Verlages Das Kulturelle Gedächtnis, der bereits zweimal mit dem Deutschen Verlagspreis sowie mit dem Berliner Verlagspreis ausgezeichnet wurde. Der von ihm bei Galiani herausgegebene Foliant Welt der Renaissance von 2020 stand auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Wir freuen uns auf Ihr Kommen!

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Foto: Axel Gundermann/YEARROUNDMUNICH

Jochen Schimmang: Laborschläfer

3. Mai 2022 • 20.15 Uhr • Spiegelsaal • Kurhaus Baden-Baden

Schimmangs Hauptfigur, Rainer Roloff, ein studierter Soziologe mit „gebrochener Erwerbsbiografie“, führt als Privatgelehrter ein zurückgezogenes Leben. Als Proband einer Langzeitstudie zum Einfluss des Schlafs auf das Gedächtnis, bessert er seine schmale Rente auf. Dank seines Elefantengedächtnisses und seiner ausgeprägten Sensibilität für den Zusammenhang zwischen kollektiver und persönlicher Geschichte imaginiert er in seinen Traum-Protokollen eine „absurd-spielerische Historiografie der Bundesrepublik“ (H. Böttiger), die wir heute kennenlernen.

„Es geht mir hier … um das, was überhaupt erst die Literatur zum Atmen bringt und ein Buch lebendig werden lässt: das richtige Lesen. Wir sind uns einig, dass ein Buch, das nicht gerade irgendwo auf der Welt von einem richtigen Leser gelesen wird, mausetot ist. Einig sind wir uns vermutlich auch, dass das richtige Lesen eine der denkbar asozialsten Tätigkeiten überhaupt ist, denn wenn wir lesen, können wir keine Gesellschaft gebrauchen, zumindest keine menschliche, und ob unser Lesen jemals der Gesellschaft zugute kommt, steht dahin“. So Jochen Schimmang.

Schimmang, geboren 1948, lebt heute als freier Schriftsteller und Übersetzer in Oldenburg. Seine Bücher, um nur drei zu nennen „Der schöne Vogel Phönix“, „Grenzen, Ränder, Niemandsländer“, „Adorno wohnt hier nicht mehr“, sind zum festen Bestandteil der deutschen Nachkriegsliteratur geworden. 2021 erhielt er den „Italo-Svevo-Preis“ für sein Lebenswerk.

Foto: Karin Eickenberg

Artur Becker: Der „Drang nach Osten“ und „Kosmopolen“ | 21.01.2020

21. Januar 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Lesung und Gespräch: Artur Becker und Gerwig Epkes

Eine anderes Bild von Europa wünscht sich der Schriftsteller Artur Becker. Bei der Lesung aus seinem neu erschienenen Roman „Drang nach Osten“ wandte sich Becker einerseits gegen das Europa-Bild, die EU für „eine Milchkuh aus Brüssel“ zu halten, sich einzig an gemeinsamen wirtschaftlichen Perspektiven zu orientieren. Aber auch die Trauer über den Verlust geistiger Identitäten wie in „Das Land Urlu“ von Czeslaw Milosz führe letztlich nicht weiter.

Vor 40 Gästen der PHL plädierte Artur Becker für eine neue Identität des Nationalen im größeren Ganzen der europäischen Staaten. Als „Kosmopolen“ bezeichnete er sich deshalb – und übernahm ironisch die Bereitschaft, als „Präsident der Kosmopolen“ zu fungieren. Solche neuen Formen der Gemeinschaft müssten einen Platz bieten auch für „verwirrte und unentschlossene Geister“.

Becker kritisierte die Bemerkung von Marcel Reich-Ranicki, polnische Schriftstellerinnen und Schriftsteller würden letztlich nur Lyrik zustande bringen. Das Werk von Olga Tokarczuk sei ein Beweis des Gegenteils. Und auch mit der Lesung aus seinem eigenen Roman „Drang nach Osten“ strafte Becker den großen MMR Lügen, gab mit den Szenen aus dem Polen der Nachkriegszeit Zeugnis für eine Geschichte, die lebendig bleibt, auch wenn sie abgeschlossen zu sein scheint.

Fulminant und vielschichtig erzählt Artur Beckers Roman unter anderem von der Erfindung neuer Identitäten im Nachkriegspolen, in dem Polen keine Handlanger der Deutschen gewesen sein durften und Deutsche selbst ihre Identität verleugnen musssten. Ein Roman, wie er zu diesem Thema noch nie geschrieben wurde.

Artur Becker, 1968 geboren als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Bartoszyce (Masuren), lebt seit 1985 in Deutschland. Studium der Kulturgeschichte Osteuropas und der Deutschen Literatur- und Sprachwissenschaft. Er schreibt Gedichte, Romane, Novellen, Erzählungen, Essays, Aufsätze und Rezensionen und ist auch als Übersetzer tätig.

2009 wurde er mit dem renommierten Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung ausgezeichnet.

Zuletzt erschienen sein Roman Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken (2008), Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang (2013) und Drang nach Osten (2019), geschrieben in deutscher Sprache, seiner, wie er es nennt, „Literatursprache“, seiner „Dienstsprache“.