Sigfried Reusch: Weder Gefühl noch Vernunft. Eine Philosophie der Liebe | 24.03.2020

24. März 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Nichts bestimmt unser aller Leben mehr als die Liebe. Kaum ein Film und nur die wenigsten Romanhandlungen kommen ohne irgendeine Form der Liebe und der mit ihr verbundenen Gefühlsregungen aus. Zugleich ist nichts so individuell wie das, was wir Liebe nennen. Liebe, so scheint es, ist gleichermaßen elementarste Form menschlicher Beziehung wie Sehnsuchtsort und Fluchtpunkt aller Gefühle. Aber ist Liebe überhaupt ein Gefühl? Lässt sich Liebe mit den Mitteln aufgeklärter wissenschaftlicher Vernunft nicht besser evolutionsbiologisch erklären? Oder hat das Herz, wie Blaise Pascal schreibt, nur seine eigene Logik? Was ist es, das man in einem anderen Menschen „liebt“?  

Welche Eigenschaften werden so stark mit einem Glücksversprechen verbunden, dass mancher gar Familie, Haus und Hof verlässt, nur um seiner Liebe zu folgen?

Dr. phil. Dipl.-Chem. Siegfried Reusch, geboren 1963, studierte Chemie und Philosophie in Ulm und Stuttgart. Seit 1995 ist er Verleger, Mitherausgeber und Chefredakteur der deutschsprachigen Zeitschrift „der blaue reiter – Journal für Philosophie“. Sie war von Anfang an, was sie noch heute ist: Ein Solitär in der philosophischen Zeitschriften-Kultur.

Ihr Leitmotiv: „Aus Freude am Denken für die Liebhaber des Denkens“.

Johann Michael Möller: Der Osten – eine politische Himmelsrichtung | 21.04.2020

21. April 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Nicht das Ende der Geschichte sah Pierre Bourdieu im Epochenjahr 1989 gekommen, sondern ihr Wiedererwachen. Die Welt des Ostens kehrte mit Macht ins Bewusstsein der Gegenwart zurück. Die sich vom Sowjetkommunismus befreienden Völker Mitteleuropas gründeten ihre Hoffnungen auf eine sich nach Osten hin erweiternde europäische Union. Was ist von diesen Erwartungen geblieben? Warum sind wir uns so fremd geworden?

Der Westen Europas steht dem östlichen Teil des Kontinents heute ratlos gegenüber. Er versteht ihn nicht und will ihn nicht verstehen. Die postnationale Welt trifft auf selbstbewusste Nationen, die sich Europa zugehörig fühlen, aber den Nachahmungsimperativ des Westens, so der Politikwissenschaftler Ivan Krastev, als kulturelle Bedrohung empfinden.

Johann Michael Möller war jahrzehntelang im östlichen Teil Deutschlands und Europas unterwegs und hat darüber ein Buch geschrieben, das gängigen Wahrnehmungen widerspricht. „Mal dicht beschreibend, mal historisch reflektierend reist er zwischen Baltikum und Balkan und wundert sich, so der Historiker Karl Schlögel, über „die bis heute anhaltende Selbstbeschränkung auf einen bloß westlichen Erfahrungsraum.“

Johann Michael Möller, geb. 1955, war zuletzt Hörfunkdirektor des MDR. Er ist Herausgeber der deutsch-russischen Zeitung Petersburger Dialog. Sein Buch Der Osten – eine politische Himmelsrichtung erschien 2019 im Verlag zu Klampen.

Foto: © Marco Prosch, Leipzig

Michael Woll: Zackern an der Tradition. Celans Hölderlinlektüren | 19.05.2020

19. Mai 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Hölderlin begleitet Paul Celan bis zu seinem letzten Band Lichtzwang, aus dem er 1970 zu Hölderlins 200. Geburtstag liest. Wenige Wochen später nimmt er sich in Paris das Leben, auf dem Schreibtisch findet man eine aufgeschlagene Hölderlin-Biographie.

Die Nähe zwischen beiden ist alles andere als selbstverständlich. Celan, dessen Eltern von den Nationalsozialisten ermordet wurden, muss seinen Hölderlin gegen eine Rezeption gewinnen, zu der die Gründung der Hölderlin-Gesellschaft 1943 unter Schirmherrschaft von Joseph Goebbels gehört. Erst in Auseinandersetzung mit dieser Vereinnahmung kann er die Freiheit gewinnen, poetisch Stellung zu Hölderlin zu beziehen.

Wo ein Zeitgenosse spottete, »Hölderlin, wie immer halb verrückt, zackert auch am Pindar«, wendet Celan das ›zum Acker gehen‹ als Gemeinsamkeit der Dichter ins Positive: »und zackere an / der Königszäsur / wie Jener / am Pindar«. Die Lektüre von Gedichten wie Andenken und Ich trink Wein zeigt Celans Umgang mit Hölderlin als Teil dieser mühevollen Spracharbeit.

Dr. Michael Woll, geb. 1985, wiss. Mitarbeiter im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Studium der Germanistik und Mathematik. Lehre in: Osnabrück, Karlsruhe und Nantes/Frankreich. Zuletzt erschienen: Hofmannsthals »Der Schwierige« und seine Interpreten, Wallstein Verlag, 2019.

Foto: © Chris Korner

Walter Grasnick im Gespräch mit Wilm Hüffer: Der Wille im Recht | 22.09.2020

22. September 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Der Wille im Recht spielt auf allen Rechtsgebieten eine meist entscheidende Rolle. Man denke nur an die Gesetze oder den Gesetzgeber. Schnell ist z.B. das Strafrecht mit dem Urteil bei der Hand, dass ein Täter dieses oder jenes habe tun wollen. Das er tatsächlich gewollt habe, was er getan hat – und dafür zu verurteilen sei.

Doch woher wissen Richter, Staatsanwälte, Anwälte oder die Polizei, was angeblich „im Kopf des Täters“ vor sich gegangen ist? Worauf beruht jeweils ihre Meinung? Sprechen nur sogenannte Indizien dafür? Oder ist es eine Konstruktion? Schnell gerät das Urteil vom Willen oder Vorsatz des Täters in schwierige Grauzonen, wie der NSU-Prozess oder andere große Verfahren der Rechtsgeschichte zeigen.

Prof. Dr. Walter Grasnick war Oberstaatsanwalt in Düsseldorf und lehrte Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Philipps-Universität Marburg.

Dr. Wilm Hüffer ist Journalist und als Moderator und Redakteur für geisteswissenschaftliche Themen tätig bei SWR2.

Foto: privat

Eike Gebhardt: Jürgen Habermas – Philosophie als Utopie? | 27.10.2020

27. Oktober 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Jürgen Habermas ist einer der weltweit bekanntesten Philosophen. Und zweifellos ein schwieriger Autor. Bis heute lautet die Frage: Was treibt ihn eigentlich um? Früh kritisierten ihn Vertreter der Frankfurter Schule, er habe die Skepsis der Kritischen Theorie verraten.

War die Theorie des Kommunikativen Handelns am Ende nur ein politisch unverbindliches philosophisches Glasperlenspiel? Es ist Zeit für eine gründliche Neubewertung: Immer scheint Habermas auf dem Weg zu einer Legitimierung der modernen, auf Vernunft gegründeten Gesellschaft. Er versucht ihr Vernunftpotential in der alltäglichen Kommunikation und den daraus folgenden Entscheidungsprozessen zu retten. Und möchte sie mit religiösen Traditionen versöhnen, wie in seinem jüngst erschienenen Buch Auch eine Geschichte der Philosophie (Suhrkamp).

Verbirgt sich in seinem Werk womöglich eine radikale Vision? Eine Idee, die sich bewusst zahm gibt, sich verschlüsselt, um nicht radikale Widerstände zu provozieren? Ist Jürgen Habermas am Ende – ein Utopist?

Dr. Eike Gebhardt, geb. 1942, Studium der Amerikanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften an der FU-Berlin und der Yale University, Promotion 1972 (M.A.; Ph. D.). Er war 13 Jahre Hochschullehrer, zuletzt als Professor an der City University of New York, Graduate School. Eike Gebhardt lebt heute in Berlin.

Foto: © C. Giese