Literatur und Gesellschaft – ein konfliktreiches Verhältnis von Beginn an von Bernhard Schäfers

Was bleibet aber, stiften die Dichter. Friedrich Hölderlin, Andenken

1. Von der jüdischen Tradition und der Antike bis zur Aufklärung

Für unseren Kulturkreis, den abendländisch-christlich-jüdischen, können wir seit Homer im neunten vorchristlichen Jahrhundert und den Schriften des Alten Testaments (AT) einen Zusammenhang von Wortkultur, erst mündlich, dann schriftlich, ausmachen, der alle Bereiche des religiösen, kulturellen und politischen Lebens erfasste. Zur jüdisch-christlichen Tradition gehört, dass sich Gott vor allem durch das Wort offenbart. „Gott sprach“, heißt es im AT. Das Neue Testament verkündet durch die Evangelien und andere Schriften Gottes Wort. Bis zur Wiederbelebung der Antike in der Renaissance wird es in der Lebensführung, der Philosophie und Kunst zum Maßstab.

Die Verschriftlichung der Ilias und Odyssee fiel etwa in die gleiche Zeit, als auch die Thora und die Lehr- und Prophetenbücher des AT aufgeschrieben wurden. Es ist also keine vereinfachende Betrachtung, den „Geist“ von Epochen in repräsentativen Werken der ars poetica und der scriptura aufspüren zu wollen. Seit dem fünften Jahrhundert vor Christus haben griechische Philosophen, die Tragiker Aischylos und Euripides, in Rom Seneca, Vergil, Ovid und Cicero mit ihren Werken dem kulturellen, aber auch dem sozialen und politischen Leben Orientierung gegeben.

Über die Wirkung von Dichtung war man sich früh im Klaren. Platon geht im fünften vorchristlichen Jahrhundert mehrfach auf die Bedeutung der Dichter ein. Im zehnten Buch der Politeia begründet er, warum Dichter aus dem Staat ausgeschlossen werden sollten: „Wollen wir also feststellen, dass von Homer an alle Dichter nur Nachbildner von Schattenbildern der Tugend seien […]. Und doch haben wir die größte Anklage gegen sie noch nicht vorgebracht: dass sie imstande sind, auch die Wohlgesinnten, einige wenige ausgenommen, zu verderben“. Mag sein, dass Dionysos von Syrakus auf Sizilien auch Platon als Dichter betrachtete und ihn, den er als Philosophen gerufen hatte, um sein Staatswesen neu zu ordnen, bald von allen Betätigungen ausschloss und verbannte. Später, im antiken Rom, traf der Bannspruch den populären Ovid.

Während der Renaissance, der Zeit des Humanismus und der Reformation bekamen Buch und Autor durch die Erfindung der Buchdruckerkunst, um das Jahr 1450 in Mainz, einen neuen Stellenwert in den kulturellen und religiösen Auseinandersetzungen. Der kanadische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan prägte, um den Stellenwert deutlich zu machen, hierfür den Begriff „Gutenberg-Galaxis“. Mit Gutenberg sei das Buch zum Leitmedium geworden. Die große, auf Buch und Pamphlet, Handzetteln und Flugschriften beruhende Breitenwirkung von Erasmus von Rotterdam, Martin Luther, von Philipp Melanchthon oder Ulrich von Hutten sei ohne die Erfindung von Johannes Gensfleisch, gen. Gutenberg, nicht denkbar. 

Mit Voltaire und den weiteren Aufklärern bahnt sich ein neues Verständnis von Literatur an: Sie soll beitragen, die lange Epoche der Feudalherrschaft und des Klerikalismus zu beenden. Die bürgerlichen Revolutionen, an wichtigster Stelle die französische 1789 f., ist mit der Wirkungsgeschichte des geschriebenen und gesprochenen Wortes eng verbunden. Das gilt vor allem für die Schriften von Jean-Jacques Rousseau, die literarisch auch dann bemerkenswert sind, wenn sie sich, wie in seinem einflussreichen Essay über die Ungleichheit unter den Menschen (1755) oder in seinem von Robespierre so geschätzten Contrat social (1762) sachlichen Themen zuwenden. 

Im Kampf gegen das ancien régime und im Engagement für die Vervollkommnung des Menschen und seiner Gesellschaft gewinnen Dichter und Schriftsteller ein neues Selbstverständnis. Sie versuchen, als freie Schriftsteller ihre Existenz und Existenzberechtigung auf ihre künstlerische Subjektivität zu gründen. Das war nur in wenigen Fällen erfolgreich. Selbst ein Friedrich Schiller hat diese Unabhängigkeit nie erreicht, wie Thomas Neumann in seiner Abhandlung, Der Künstler in der bürgerlichen Gesellschaft (1968), zeigen konnte. Die Wirkung der Dichtkunst soll nach Schiller sein: Katharsis, Läuterung und Bewusstmachung jener Zustände, die den Menschen hindern, ein freies, selbstbewusstes Wesen zu sein.

Der Zusammenhang von Literatur und Gesellschaft ist seither selbst wiederum Thema literarischer Abhandlungen. Es bilden sich zwei Positionen heraus. Eine will beitragen, möglichst große Distanz von der Gesellschaft durch die Literatur zu gewinnen. Sie kann mit dem von Théophile Gautier geforderten Prinzip: l’art pour l’art umschrieben werden (dies hatte er als Motto programmatisch einem Roman vorangestellt). Die zweite Position sei mit dem Selbstverständnis des Jungen Deutschland charakterisiert. Diese Bewegung republikanisch und linksliberal eingestellter Schriftsteller, die zwischen 1830 und 1835 ihre Blütezeit hatte, habe eine konsequente „Einübung in öffentlichen Ungehorsam“ zum Ziel gehabt (so Jost Hermand in seiner Textsammlung bei Reclam).  Neue, auf Breitenwirkung angelegte literarische Formen kamen auf, wie die Satire, oft verbunden 

mit Karikaturen, und das politische Feuilleton. Ludwig Börne, Karl Gutzkow, Heinrich Heine, Heinrich Laube gehörten zu den Autoren. Man vertraute nicht mehr auf den Appell an Vernunft und Einsicht. Die angriffslustige Desillusionierung über die herrschenden Zustände wurde zu einer Maxime der schriftstellerischen Arbeit.  

2. Literatur in der bürgerlichen Gesellschaft

Der Roman als Beispiel In der bürgerlichen Gesellschaft, die als Gesellschaftsformation aus den Revolutionen gegen das ancien régime hervorging und dem städtischen Bürgertum, den Dritten Stand, zum Durchbruch verhalf, wurden auch für die Literatur neue ökonomische und kulturelle Bedingungen geschaffen. Die Absicht, ihre freiheitlichen Grundlagen zu verbessern, endete in der Revolution 1848/49 mit einem Misserfolg, besiegelt durch preußische Hilfe im nahen Rastatt. Stefan Heym hat die Ereignisse in seinem Roman, Lenz oder die Freiheit, ergreifend dargestellt.

Der Elan der Dichter und Schriftsteller des Jungen Deutschland  war erloschen. In den Schulen wurde religiös indoktriniert wie nie zuvor, umso nachhaltiger, weil erst jetzt das Schulwesen mit der Volksschule und den Gymnasien auf eine breitere Grundlage gestellt wurde. Aber zur Zensur konnte man nicht mehr zurückkehren. Der Kampf um bürgerliche Freiheiten war gedämpft; er hatte vielleicht mehr Fürsprecher im liberalen Unternehmertum als in der Literatur.  

Es war der aus der Normandie stammende Adlige Alexis de Tocqueville, kurzzeitig Außenminister Frankreichs, der im zweiten Band seines Klassikers, Über die Demokratie in Amerika (1840), auf die Zusammenhänge zwischen der neuen, vom Kommerz beherrschten Gesellschaft und der Literatur hinwies. Im XIII. Kapitel, Das literarische Gesicht des demokratischen Zeitalters, heißt es: „Die Demokratie lässt nicht nur den literarischen Geschmack in die Erwerbsklassen eindringen, sie führt den Erwerbssinn in die Literatur ein […]. In den demokratischen Literaturen wimmelt es von Schriftstellern, die in der Literatur nur ein Gewerbe sehen, und auf wenige große Schriftsteller […] kommen Tausende von Ideenverkäufern“.   Bei Honoré de Balzac, der dem Roman als Epochenphänomen zum Durchbruch verhalf, finden wir beides: einen ausgeprägten Geschäftssinn und große Literatur. Er hat das Verdienst, die entstehende bürgerliche Gesellschaft mit ihrem Banken- und Börsenwesen, ihrem Fabriksystem und den neuen,  geschäftigen Menschentypen eindringlich zu schildern, nicht nur in der hektischen Metropole Paris  mit ihren täglich erfahrbaren Veränderungen, sondern auch in der Provinz. Seine Romane erschienen zuerst, auf Fortsetzung angelegt, in Tageszeitungen. Seit der Erfindung der Schnellpresse in den 1820er Jahren wurden auch Journale mit ihren täglichen Neuigkeiten und Sensationen zu einem Medium der Literatur.

In Deutschland gehörte die Romantrilogie von Gustav Freytag, Soll und Haben zu den frühen Werken der Beschreibung bürgerlicher Lebensweisen und des von Banken und Börsen bestimmten Wirtschaftsgebarens. Theodor Fontanes Romane aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts,  schildern das wilhelminisch-preußische Kaiserreich in vielen Facetten, zumal denen von Militär und Adel. Die Sozialkritik und Brüchigkeit mancher Strukturen geht im breiten Erzählstrom oft unter. Deutlicher wurde in den späten 1880er und -90er Jahren Gerhart Hauptmann mit seinen Dramen, vor allem Die Weber. Der Stoff ging auf den Aufstand der schlesischen Weber in Peterswaldau, 1844, zurück. Im Jahr 1901 erschien Thomas Manns Buddenbrooks. Verfall einer Familie – ein Panorama der sozialen, politischen und kulturellen Bedingungen und Lebensweisen im bürgerlichen Zeitalter über drei Generationen.

3. Literatur als geistige Waffe. Weimarer und Bonner Republik 

Der Erste Weltkrieg führte gleich zu Beginn, August 1914, zu einer Wasserscheide unter den Schriftstellern im Hinblick auf ihr Engagement für oder gegen Frankreich.  Hier die deutsche Kultur, dort die französische Zivilisation mit ihren „Asphalt-Literaten“ (Anm.1). In seinen zuerst im November 1914, zu Beginn des Frankreichfeldzuges, in der Neuen Rundschau, der repräsentativen Literaturzeitschrift, veröffentlichten Gedanken im Kriege ging Thomas Mann ausführlich auf diesen Gegensatz ein. Die Betrachtungen eines Unpolitischen, an denen er im Weltkrieg schrieb, führten das Thema weiter aus: in weltgeschichtlicher, zivilisations- und demokratiekritischer Perspektive. 

In diesem Werk habe er sich, wie er 1940 vor Studenten der Universität Princeton ausführte, “dem, was ich ‚Demokratie’ nannte, nämlich die Politisierung des Geistes im Namen der Kultur und sogar der Freiheit, aus allen Kräften widersetzt“. Es sei das Werk einer tiefen Krise gewesen. „Kurzum, das demokratische Bekenntnis drängte sich auf die Lippen und wollte abgelegt sein. Ich danke es meinem guten Genius, dass ich es  nicht zurückhielt“. Thomas Mann wurde zu einem Fürsprecher der Weimarer Republik. In der Rede zum 60. Geburtstag seines Bruders Heinrich, Vom Beruf des deutschen Schriftstellers in unserer Zeit, sprach er von „staatlich-gesellschaftlicher Anerkennung, Einbeziehung und Sichtbarmachung der Literatur durch den neuen republikanischen Staat“.

In der Bonner Republik kann von „Sichtbarmachung der Literatur“ durch politische Repräsentanten zunächst keine Rede sein. Die Werke von Heinrich Böll (Anm. 2), die die Nachkriegszustände so schilderten, dass sie auch die vorausgehende Naziherrschaft und ihren Ungeist mit einbezogen, waren kaum dazu angetan, in der konservativen, von den Kirchen restaurativ mit geprägten Bonner Republik Zustimmung bei der Machtelite zu finden. Das änderte sich erst seit Mitte der 1960er Jahre, zumal mit der Kanzlerschaft von Willy Brandt ab 1969. Dieser waren seit 1965 die Aufsehen erregenden Wahlkampfreden des inzwischen weltberühmten Schriftstellers Günter Grass

vorausgegangen, der mit selbst gemalten Plakaten für die Es-Pe-De durch die Lande zog – und sich als „Blechtrommler“ beschimpfen lassen musste (wie ich es in Münster 1965 erlebt habe; andernorts wurde er mit Tomaten und Eiern beworfen).

4. Adorno zum Engagement von Literatur und zur Autonomie der Lyrik

In zwei Essays ging Theodor W. Adorno der Frage nach, wie das gesellschaftliche Engagement von Schriftstellern zu beurteilen ist (Noten zur Literatur III) und ob und wie durch Lyrik Distanz von  der Gesellschaft gewonnen werden kann (Noten zur Literatur I). Der Essay Engagement, zuerst 1962 in der Neuen Rundschau erschienen, ist eine Auseinandersetzung mit Jean-Paul Sartres Was ist Literatur? (frz. 1948; dt. rde 1958), sowie mit dessen Theaterstücken und denen von Bertolt Brecht.   

Es sei Sartre darum gegangen, Kunst überhaupt, nicht nur die Literatur, aus dem Pantheon der bloßen Anschauung und Verehrung herauszuholen und sie der gesellschaftlichen Aktualität und ihren geistigen und politischen Auseinandersetzungen auszusetzen. Adorno bestreitet die Prämisse Sartres – hier Engagement, dort l’art pour l’art –,  weil sie die jedem Kunstwerk innewohnende Verselbstständigung, auch gegenüber dem Schöpfer bzw. Autor, unterschlage. Diese „Verselbstständigung der Kunst gegen das Reale“ gelte für Literatur so lange, wie sie nicht zu reinen Propagandazwecken verfasst sei. Aber letztlich erwarte sich Sartre keine Veränderung der Welt durch die Literatur – eine Position, die später auch Marcel Reich-Ranicki einnahm. Wie bereits angeführte Beispiele belegen, kann diese Position bestritten werden.

Sehr deutlich wird Adorno in seiner Auseinandersetzung mit den um 1960 noch viel gespielten Theaterstücken Sartres. Sein Engagement gleite in die bloße Gesinnung ab, dem „extremen Subjektivismus seiner Philosophie gemäß, in der trotz aller materialistischen Untertöne die deutsche Spekulation nachhallt“. Gemeint ist Sartres Philosophie des Existentialismus, des „Geworfenseins“ in die Existenz, sowie seine Abhängigkeit von Heidegger. Adorno expliziert das an einem der bekanntesten Stücke Sartres, Geschlossene Gesellschaft (uraufgeführt in Paris1944), in dem es am Schluss heißt: „Die Hölle, das sind die anderen“. Das klinge wie ein Zitat aus seinem philosophischen Hauptwerk, Das Sein und das Nichts (der Titel ist eine Anspielung auf Heideggers Sein und Zeit).

In einer Rede über Lyrik und Gesellschaft (1957) bezeichnet Adorno Lyrik als „eine Sphäre des Ausdrucks, die ihr Wesen geradezu daran hat, die Macht der Gesellschaft sei’s nicht anzuerkennen, sei’s, wie bei Baudelaire oder Nietzsche, durchs Pathos der Distanz zu überwinden“. Die Versenkung ins Individuierte „erhebe das lyrische Gedicht dadurch zum Allgemeinen, dass es Unentstelltes, Unerfasstes, noch nicht Subsummiertes in die Erscheinung setzt und so geistig etwas vorwegnimmt von einem Zustand, in dem kein schlecht Allgemeines, nämlich zutiefst Partikulares mehr das andere, Menschliche fesselte“. Die „rückhaltlose Individuation“ kann allerdings Schiffbruch erleiden, da das lyrische Ich keine Macht darüber hat, „ob sie nicht in der Zufälligkeit der bloßen abgespalteten Existenz verharrt“ (über Lyrik als Charakteristikum einer Epoche vgl. Anm. 3).

Adorno vertraute darauf, dass das lyrische Ich bei der gesuchten Ferne zum schlechten Allgemeinen beitragen kann, die gesellschaftliche Situation zu verbessern. Die Philosophie und Soziologie der Frankfurter Schule – repräsentiert durch Max Horkheimer und Theodor W. Adorno – hatte zum Ziel, durch Aufklärung das falsche Bewusstsein von sich selbst und über die gesellschaftlichen Zustände zu überwinden. Daran müssen auch Literatur und die Künste mitwirken. Adorno lobte diesbezüglich die Lyrik des spanischen Dichters Federico Garcia Lorca, den die Schergen Francos 1936 ermordeten, und Gedichte von Bertolt Brecht, „dem sprachliche Integrität zuteil ward, ohne dass er den Preis des Esoterischen hätte entrichten müssen“.

5. Die gesellschaftliche Interessenvertretung der Literatur

Das Verhältnis von Literatur und Gesellschaft wird institutionell repräsentiert durch zwei Interessenvertretungen für Schriftsteller, den PEN-Club und den Verband Deutscher Schriftsteller. 1921 wurde in London durch Initiative der Schriftstellerin Caterine Scott ein Club der Poets, Essayists und Novellists, abgekürzt PEN, gegründet. Der Name war klug gewählt, denn engl. pen heißt Feder, das uralte Instrument der Schreibenden. Zu den frühen Mitgliedern gehörten die renommierten Autoren Joseph Conrad, George Bernard Shaw und H. G. Wells. Der PEN-Club fand schnell internationale Verbreitung.

Dem PEN-Club trat der 1969 in Köln gegründete Verband Deutscher Schriftsteller an die Seite. Es waren prosperierende Zeiten, so dass Heinrich Böll in seiner Eröffnungsrede ein „Ende der Bescheidenheit“ einfordern konnte. Böll führte u. a. aus: „Wir, die Schriftsteller, sind tarifge- gebundene Mitarbeiter einer Großindustrie“. Er hätte mit Adorno und Horkheimer auch von „Kulturindustrie“ sprechen können. Was Walter Benjamin über das Kunstwerk ganz allgemein ausgeführt hat: dass es der technischen Reproduzierbarkeit unterworfen ist, gilt in hohem Maße für das gesprochene und geschriebene Wort des Schriftstellers: es unterliegt der technischen, nun vor allem der digitalen Vermittlung und Reproduktion. Damit stellen sich Probleme der Verbreitung und der Vergütung schriftstellerischer Arbeit ganz neuer Art.

Heute, in einer völlig anderen gesellschaftlichen Situation, könnte die Forderung Bölls so nicht mehr erhoben werden. Die ökonomische Situation der Schriftsteller ist enorm angespannt. Von ihr sprach der Karlsruher Schriftsteller Matthias Kehle in einem Interview mit Sabine Rahner im Badischen Tagblatt am 1. April dieses Jahres. Von den ca. 400 Schriftstellern in BadenWürttemberg könne, so Kehle, die große Mehrzahl nicht von ihren Honoraren leben. Er betonte auch, dass sich vor allem kleinere Verlage in einer äußerst schwierigen Situation befänden. „Wenn sich der Kulturbetrieb nach der Krise wieder berappelt, wird damit zu rechnen sein, dass die öffentliche Hand einsparen muss. Und wo macht sie das? Bei der Kultur“.

6. Ausblick Literatur und Gesellschaft – das ist, mit Theodor Fontane gesprochen, „ein weites Feld“

Auf diesem weiten Feld: von der erzählenden zur dramatischen, von der erbauenden bis zur fiktiven, von der historisch-romanhaften bis zur utopischen Literatur konnte nur wenig beackert werden. 

Wenn der Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel, der in diesem Jahr wie Beethoven und Hölderlin seinen 250. Geburtstag hat, von der Philosophie sagte, sie sei ihre Zeit in Gedanken  gefasst, dann gilt das in hohem Maße auch von der Literatur. Wollen wir uns der Moral und Sitte, der Bräuche und Lebensgewohnheiten einer bestimmten Epoche vergewissern, dann empfiehlt es sich, repräsentative Literatur dieser Zeit oder für diese Zeit heranzuziehen. Für den Dreißigjährigen Krieg wären das vielleicht der Grimmelshausen und die großartige Darstellung von Golo Mann in seinem Wallenstein, und nun auch „Tyll“ von Daniel Kehlmann. Für das bürgerliche Zeitalter wurden Honoré de Balzac, Theodor Fontane und Thomas Mann genannt. Und für die Jetztzeit? In dem Maße, wie die Welt komplexer, die sozialen Schichten und Klassen differenzierter und die Lebensgewohnheiten teils individualistischer, teils durch die mediale und digitalisierte Welt mit ihren Netzwerken einheitlicher geworden sind, ist das viel schwieriger. 

Diese Beispiele zeigen auch, um abschließend des Soziologen Max Weber zu gedenken, der vor einhundert Jahren an der damaligen Pandemie, der Spanischen Grippe, verstarb: Wenn das Licht, das auf bedeutende Kulturerscheinungen geworfen wurde, weiter gezogen ist, dann muss sich auch die Literatur darauf einstellen und die eigene und vergangene Epochen neu ausleuchten – als Variation eines Themas ohne Grenzen: der conditio humana.

Anmerkungen 1) Der herabsetzende Ausdruck „Asphalt-Literat“ wurde bereits auf Heinrich Mann angewandt. Zu trauriger Berühmtheit gelangte er durch die Rede von Propagandaminister Joseph Goebbels bei der Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz am 10. Mai 1933, als er damit Werke der „wurzellosen Großstadtliteratur“ brandmarkte.

2) Zu denken ist an folgende Romane von Heinrich Böll: Wo warst Du Adam (1951); Haus ohne  Hüter (1953); Billard um halb zehn (1959); Ansichten eines Clowns (1963; der Vorabdruck in der Süddeutschen Zeitung hatte bereits zu heftigen Kontroversen geführt); Frauen vor Flusslandschaft (1985; Bölls letzter Roman).

3) Eduard Schäfers, Die Poesie und ihre gesellschaftliche Bedeutung. Ein Überblick zu deutschsprachigen Gedichten durch die Jahrhunderte, Cuvillier Verlag, Göttingen 1919

Bernhard Schäfers war bis zu seiner Emeritierung Leiter des Instituts für Soziologie der Universität Karlsruhe (TH; jetzt: KIT)

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