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Wegen der Coronakrise abgesagt: Siegfried Reusch: Weder Gefühl noch Vernunft. Eine Philosophie der Liebe | 24.03.2020

24. März 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Nichts bestimmt unser aller Leben mehr als die Liebe. Kaum ein Film und nur die wenigsten Romanhandlungen kommen ohne irgendeine Form der Liebe und der mit ihr verbundenen Gefühlsregungen aus. Zugleich ist nichts so individuell wie das, was wir Liebe nennen. Liebe, so scheint es, ist gleichermaßen elementarste Form menschlicher Beziehung wie Sehnsuchtsort und Fluchtpunkt aller Gefühle. Aber ist Liebe überhaupt ein Gefühl? Lässt sich Liebe mit den Mitteln aufgeklärter wissenschaftlicher Vernunft nicht besser evolutionsbiologisch erklären? Oder hat das Herz, wie Blaise Pascal schreibt, nur seine eigene Logik? Was ist es, das man in einem anderen Menschen „liebt“?  

Welche Eigenschaften werden so stark mit einem Glücksversprechen verbunden, dass mancher gar Familie, Haus und Hof verlässt, nur um seiner Liebe zu folgen?

Dr. phil. Dipl.-Chem. Siegfried Reusch, geboren 1963, studierte Chemie und Philosophie in Ulm und Stuttgart. Seit 1995 ist er Verleger, Mitherausgeber und Chefredakteur der deutschsprachigen Zeitschrift „der blaue reiter – Journal für Philosophie“. Sie war von Anfang an, was sie noch heute ist: Ein Solitär in der philosophischen Zeitschriften-Kultur.

Ihr Leitmotiv: „Aus Freude am Denken für die Liebhaber des Denkens“.

Wegen der Coronakrise abgesagt: Johann Michael Möller: Der Osten – eine politische Himmelsrichtung | 21.04.2020

21. April 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Nicht das Ende der Geschichte sah Pierre Bourdieu im Epochenjahr 1989 gekommen, sondern ihr Wiedererwachen. Die Welt des Ostens kehrte mit Macht ins Bewusstsein der Gegenwart zurück. Die sich vom Sowjetkommunismus befreienden Völker Mitteleuropas gründeten ihre Hoffnungen auf eine sich nach Osten hin erweiternde europäische Union. Was ist von diesen Erwartungen geblieben? Warum sind wir uns so fremd geworden?

Der Westen Europas steht dem östlichen Teil des Kontinents heute ratlos gegenüber. Er versteht ihn nicht und will ihn nicht verstehen. Die postnationale Welt trifft auf selbstbewusste Nationen, die sich Europa zugehörig fühlen, aber den Nachahmungsimperativ des Westens, so der Politikwissenschaftler Ivan Krastev, als kulturelle Bedrohung empfinden.

Johann Michael Möller war jahrzehntelang im östlichen Teil Deutschlands und Europas unterwegs und hat darüber ein Buch geschrieben, das gängigen Wahrnehmungen widerspricht. „Mal dicht beschreibend, mal historisch reflektierend reist er zwischen Baltikum und Balkan und wundert sich, so der Historiker Karl Schlögel, über „die bis heute anhaltende Selbstbeschränkung auf einen bloß westlichen Erfahrungsraum.“

Johann Michael Möller, geb. 1955, war zuletzt Hörfunkdirektor des MDR. Er ist Herausgeber der deutsch-russischen Zeitung Petersburger Dialog. Sein Buch Der Osten – eine politische Himmelsrichtung erschien 2019 im Verlag zu Klampen.

Foto: © Marco Prosch, Leipzig

Artur Becker: Der „Drang nach Osten“ und „Kosmopolen“ | 21.01.2020

21. Januar 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Lesung und Gespräch: Artur Becker und Gerwig Epkes

Eine anderes Bild von Europa wünscht sich der Schriftsteller Artur Becker. Bei der Lesung aus seinem neu erschienenen Roman „Drang nach Osten“ wandte sich Becker einerseits gegen das Europa-Bild, die EU für „eine Milchkuh aus Brüssel“ zu halten, sich einzig an gemeinsamen wirtschaftlichen Perspektiven zu orientieren. Aber auch die Trauer über den Verlust geistiger Identitäten wie in „Das Land Urlu“ von Czeslaw Milosz führe letztlich nicht weiter.

Vor 40 Gästen der PHL plädierte Artur Becker für eine neue Identität des Nationalen im größeren Ganzen der europäischen Staaten. Als „Kosmopolen“ bezeichnete er sich deshalb – und übernahm ironisch die Bereitschaft, als „Präsident der Kosmopolen“ zu fungieren. Solche neuen Formen der Gemeinschaft müssten einen Platz bieten auch für „verwirrte und unentschlossene Geister“.

Becker kritisierte die Bemerkung von Marcel Reich-Ranicki, polnische Schriftstellerinnen und Schriftsteller würden letztlich nur Lyrik zustande bringen. Das Werk von Olga Tokarczuk sei ein Beweis des Gegenteils. Und auch mit der Lesung aus seinem eigenen Roman „Drang nach Osten“ strafte Becker den großen MMR Lügen, gab mit den Szenen aus dem Polen der Nachkriegszeit Zeugnis für eine Geschichte, die lebendig bleibt, auch wenn sie abgeschlossen zu sein scheint.

Fulminant und vielschichtig erzählt Artur Beckers Roman unter anderem von der Erfindung neuer Identitäten im Nachkriegspolen, in dem Polen keine Handlanger der Deutschen gewesen sein durften und Deutsche selbst ihre Identität verleugnen musssten. Ein Roman, wie er zu diesem Thema noch nie geschrieben wurde.

Artur Becker, 1968 geboren als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Bartoszyce (Masuren), lebt seit 1985 in Deutschland. Studium der Kulturgeschichte Osteuropas und der Deutschen Literatur- und Sprachwissenschaft. Er schreibt Gedichte, Romane, Novellen, Erzählungen, Essays, Aufsätze und Rezensionen und ist auch als Übersetzer tätig.

2009 wurde er mit dem renommierten Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung ausgezeichnet.

Zuletzt erschienen sein Roman Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken (2008), Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang (2013) und Drang nach Osten (2019), geschrieben in deutscher Sprache, seiner, wie er es nennt, „Literatursprache“, seiner „Dienstsprache“.

Christoph Rüter: „Hans Blumenberg. Der unsichtbare Philosoph“ | 11.02.2020

Filmvorführung im Kino „moviac“ mit Regisseur Christoph Rüter

19 Uhr 30 – Kino „moviac“, Sophienstraße 22 – Eintritt: 9,50€

Hans Blumenberg ist einer der einflussreichsten deutschen Philosophen der Nachkriegszeit. Sein Thema ist der Mensch, der über die Jahrhunderte hinweg um seine Selbstbehauptung gegen den
Absolutismus der Wirklichkeit kämpft. Distanz zum Übermächtigen zu schaffen: diesen Vorgang
nennt Blumenberg das „Abenteuer des Denkens“.

Der Film von Christoph Rüter ist eine Spurensuche quer durch Deutschland. Von Blumenbergs Heimatstadt Lübeck führt der Weg über Münster, Heidelberg, Marbach, Stuttgart, München bis nach Zürich. An allen Orten kommen Zeugen zu Wort, die von Blumenbergs Charakter und seiner großen Präsenz berichten. Aus dem besten Absolventen des Abiturs 1939 in Schleswig-Holstein wird der angefeindete „Halbjude“, der während der NS-Zeit in Lebensgefahr schwebt und sich für einen Monat auf einem Dachboden in Lübeck verstecken muss. Aus ihm wird ein hochanerkannter Philosoph und Essayist, der die Entwicklung des europäischen Denkens in vielseitigen Büchern verständlich macht.

Christoph Rüter, geb. 1957, war 1985–89 Dramaturg an der Freien Volksbühne West-Berlin und hat u.a. mit Thomas Brasch, Hans Neuenfels, Heiner Müller und Bob Wilson zusammengearbeitet. In zahlreichen Filmen porträtiert Rüter große Künstler und Intellektuelle, darunter Ulriche Mühe, Heiner Müller, Jörg Fauser, Klaus Kinski, Ulrich Wildgruber, Ute Lemper.

Nach dem Kinobesuch gibt es Gelegenheit zur Diskussion mit Christoph Rüter im Kaminsaal des
Atlantic-Parkhotels.

Flaubert übersetzen – Ein Abend mit Elisabeth Edl • 22.03.2022 – neuer Termin

22. März 2022 • 20.15 Uhr • Spiegelsaal • Kurhaus Baden-Baden

Traduire, c’est trahir, dass dem nicht so ist, beweist uns Elisabeth Edl mit ihrer von den Medien geradezu umjubelten Übertragung von Gustave Flauberts Meisterwerk „L’Éducation sentimentale“.

Bisher übersetzt mit „Erziehung des Herzens“ oder „Lehrjahre des Gefühls“, hat Edl sich für „Lehrjahre der Männlichkeit. Geschichte einer Jugend“ entschieden und uns beim Wiederlesen einen neuen Zugang zu diesem einzigartigen Roman geschenkt.

Stellvertretend für die vielen Lobeshymnen möge die Wertung von Andreas Isenschmid, einem profunden Literaturkritiker, Ihnen zeigen, welch literarisches Ereignis Sie erwartet:

Die ‚Lehrjahre‘ gehören zu den wenigen Romanen, die wahrhaft die Totalität einer ganzen Epoche darstellen… Das ist die gelungenste Klassiker-Ausgabe, die es seit Schönes ‚Faust‘ und Birus‘ ‚Divan‘ hierzulande zu kaufen gibt. Das 70-seitige Nachwort ist eine brillante Monografie für sich. Die 150 Seiten umfassenden Anmerkungen mit traumhaft gut gemachten Hinweisen zu Text und Textgeschichte sind von hoher Qualität … Erstmals liegt eine Übersetzung vor, die dem Präzisions- und Rhythmus-Fanatiker Flaubert vollauf gerecht wird.“ (Die Zeit, 08.10.20.)

Elisabeth Edl lehrte von 1983 bis 1995 deutsche Sprache und Literatur an der Universität und der École supérieure de commerce in Poitiers. Seit 1995 arbeitet sie als Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin in München. Für ihre Übersetzungen und Editionen französischer Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. 2009 wurde sie zum Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gewählt und zum Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres der Republik Frankreich ernannt.

Eintritt 6 Euro an der Abendkasse. Eine vorherige Reservierung ist nicht nötig.

Für die Veranstaltung im Kurhaus gilt eine strikte 2G-Regelung, bitte bringen Sie die entsprechenden Dokumente mit.

Foto: D. P. Gruffot

Wilm Hüffer: „Der Philosoph“ – Ein Roman über Selbsterkenntnis und Verblendung | 26.10.2021

26. Oktober 2021 • 20.15 Uhr • Spiegelsaal • Kurhaus Baden-Baden

In uns allen schlummert der Wunsch nach Selbsterkenntnis. Dieser Roman handelt von Menschen, die ihn sich zu erfüllen versuchen. Und sich dabei erstaunlichen Einsichten nähern, doch ebenso dramatisch an ihren Ansprüchen scheitern.

Kein Wunder, wenn man sich auf den Spuren Hegels befindet. So wie Felix, der temporäre Praktikant und Bettgefährte einer Starreporterin. Als seine anrüchige Freundin das Privatleben des berühmten Philosophen Hinrich Giers untersucht, glaubt er sich endlich Respekt bei ihr verschaffen zu können. Will den Philosophen, der im mondänen Kurbad Binsenburg Zuflucht gesucht hat, für die Öffentlichkeit zurückgewinnen – und mit ihm im Rampenlicht stehen, wenn der Philosoph seine bahnbrechende Theorie der Selbsterkenntnis präsentiert.

Eine ironische Posse mit einem unglaubwürdigen Erzähler – und der eher unbequemen Hegelschen Einsicht in die Widersprüchlichkeit des eigenen Denkens: Auf besondere Weise blind zu sein, je näher man sich echter Selbsterkenntnis glaubt.

Wilm Hüffer, geboren 1972 in Münster, hat in Leipzig und Köln Philosophie und Geschichte studiert. Er ist Radiomoderator beim Südwestrundfunk in Baden-Baden.

Eintritt 6 Euro an der Abendkasse. Eine vorherige Reservierung ist nicht nötig.

Für die Veranstaltung im Kurhaus gilt eine strikte 2G-Regelung, bitte bringen Sie die entsprechenden Dokumente mit.

Foto: Oliver Reuter

Literatur und Gesellschaft – ein konfliktreiches Verhältnis von Beginn an von Bernhard Schäfers

Was bleibet aber, stiften die Dichter. Friedrich Hölderlin, Andenken

1. Von der jüdischen Tradition und der Antike bis zur Aufklärung

Für unseren Kulturkreis, den abendländisch-christlich-jüdischen, können wir seit Homer im neunten vorchristlichen Jahrhundert und den Schriften des Alten Testaments (AT) einen Zusammenhang von Wortkultur, erst mündlich, dann schriftlich, ausmachen, der alle Bereiche des religiösen, kulturellen und politischen Lebens erfasste. Zur jüdisch-christlichen Tradition gehört, dass sich Gott vor allem durch das Wort offenbart. „Gott sprach“, heißt es im AT. Das Neue Testament verkündet durch die Evangelien und andere Schriften Gottes Wort. Bis zur Wiederbelebung der Antike in der Renaissance wird es in der Lebensführung, der Philosophie und Kunst zum Maßstab.

Die Verschriftlichung der Ilias und Odyssee fiel etwa in die gleiche Zeit, als auch die Thora und die Lehr- und Prophetenbücher des AT aufgeschrieben wurden. Es ist also keine vereinfachende Betrachtung, den „Geist“ von Epochen in repräsentativen Werken der ars poetica und der scriptura aufspüren zu wollen. Seit dem fünften Jahrhundert vor Christus haben griechische Philosophen, die Tragiker Aischylos und Euripides, in Rom Seneca, Vergil, Ovid und Cicero mit ihren Werken dem kulturellen, aber auch dem sozialen und politischen Leben Orientierung gegeben.

Über die Wirkung von Dichtung war man sich früh im Klaren. Platon geht im fünften vorchristlichen Jahrhundert mehrfach auf die Bedeutung der Dichter ein. Im zehnten Buch der Politeia begründet er, warum Dichter aus dem Staat ausgeschlossen werden sollten: „Wollen wir also feststellen, dass von Homer an alle Dichter nur Nachbildner von Schattenbildern der Tugend seien […]. Und doch haben wir die größte Anklage gegen sie noch nicht vorgebracht: dass sie imstande sind, auch die Wohlgesinnten, einige wenige ausgenommen, zu verderben“. Mag sein, dass Dionysos von Syrakus auf Sizilien auch Platon als Dichter betrachtete und ihn, den er als Philosophen gerufen hatte, um sein Staatswesen neu zu ordnen, bald von allen Betätigungen ausschloss und verbannte. Später, im antiken Rom, traf der Bannspruch den populären Ovid.

Während der Renaissance, der Zeit des Humanismus und der Reformation bekamen Buch und Autor durch die Erfindung der Buchdruckerkunst, um das Jahr 1450 in Mainz, einen neuen Stellenwert in den kulturellen und religiösen Auseinandersetzungen. Der kanadische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan prägte, um den Stellenwert deutlich zu machen, hierfür den Begriff „Gutenberg-Galaxis“. Mit Gutenberg sei das Buch zum Leitmedium geworden. Die große, auf Buch und Pamphlet, Handzetteln und Flugschriften beruhende Breitenwirkung von Erasmus von Rotterdam, Martin Luther, von Philipp Melanchthon oder Ulrich von Hutten sei ohne die Erfindung von Johannes Gensfleisch, gen. Gutenberg, nicht denkbar. 

Mit Voltaire und den weiteren Aufklärern bahnt sich ein neues Verständnis von Literatur an: Sie soll beitragen, die lange Epoche der Feudalherrschaft und des Klerikalismus zu beenden. Die bürgerlichen Revolutionen, an wichtigster Stelle die französische 1789 f., ist mit der Wirkungsgeschichte des geschriebenen und gesprochenen Wortes eng verbunden. Das gilt vor allem für die Schriften von Jean-Jacques Rousseau, die literarisch auch dann bemerkenswert sind, wenn sie sich, wie in seinem einflussreichen Essay über die Ungleichheit unter den Menschen (1755) oder in seinem von Robespierre so geschätzten Contrat social (1762) sachlichen Themen zuwenden. 

Im Kampf gegen das ancien régime und im Engagement für die Vervollkommnung des Menschen und seiner Gesellschaft gewinnen Dichter und Schriftsteller ein neues Selbstverständnis. Sie versuchen, als freie Schriftsteller ihre Existenz und Existenzberechtigung auf ihre künstlerische Subjektivität zu gründen. Das war nur in wenigen Fällen erfolgreich. Selbst ein Friedrich Schiller hat diese Unabhängigkeit nie erreicht, wie Thomas Neumann in seiner Abhandlung, Der Künstler in der bürgerlichen Gesellschaft (1968), zeigen konnte. Die Wirkung der Dichtkunst soll nach Schiller sein: Katharsis, Läuterung und Bewusstmachung jener Zustände, die den Menschen hindern, ein freies, selbstbewusstes Wesen zu sein.

Der Zusammenhang von Literatur und Gesellschaft ist seither selbst wiederum Thema literarischer Abhandlungen. Es bilden sich zwei Positionen heraus. Eine will beitragen, möglichst große Distanz von der Gesellschaft durch die Literatur zu gewinnen. Sie kann mit dem von Théophile Gautier geforderten Prinzip: l’art pour l’art umschrieben werden (dies hatte er als Motto programmatisch einem Roman vorangestellt). Die zweite Position sei mit dem Selbstverständnis des Jungen Deutschland charakterisiert. Diese Bewegung republikanisch und linksliberal eingestellter Schriftsteller, die zwischen 1830 und 1835 ihre Blütezeit hatte, habe eine konsequente „Einübung in öffentlichen Ungehorsam“ zum Ziel gehabt (so Jost Hermand in seiner Textsammlung bei Reclam).  Neue, auf Breitenwirkung angelegte literarische Formen kamen auf, wie die Satire, oft verbunden 

mit Karikaturen, und das politische Feuilleton. Ludwig Börne, Karl Gutzkow, Heinrich Heine, Heinrich Laube gehörten zu den Autoren. Man vertraute nicht mehr auf den Appell an Vernunft und Einsicht. Die angriffslustige Desillusionierung über die herrschenden Zustände wurde zu einer Maxime der schriftstellerischen Arbeit.  

2. Literatur in der bürgerlichen Gesellschaft

Der Roman als Beispiel In der bürgerlichen Gesellschaft, die als Gesellschaftsformation aus den Revolutionen gegen das ancien régime hervorging und dem städtischen Bürgertum, den Dritten Stand, zum Durchbruch verhalf, wurden auch für die Literatur neue ökonomische und kulturelle Bedingungen geschaffen. Die Absicht, ihre freiheitlichen Grundlagen zu verbessern, endete in der Revolution 1848/49 mit einem Misserfolg, besiegelt durch preußische Hilfe im nahen Rastatt. Stefan Heym hat die Ereignisse in seinem Roman, Lenz oder die Freiheit, ergreifend dargestellt.

Der Elan der Dichter und Schriftsteller des Jungen Deutschland  war erloschen. In den Schulen wurde religiös indoktriniert wie nie zuvor, umso nachhaltiger, weil erst jetzt das Schulwesen mit der Volksschule und den Gymnasien auf eine breitere Grundlage gestellt wurde. Aber zur Zensur konnte man nicht mehr zurückkehren. Der Kampf um bürgerliche Freiheiten war gedämpft; er hatte vielleicht mehr Fürsprecher im liberalen Unternehmertum als in der Literatur.  

Es war der aus der Normandie stammende Adlige Alexis de Tocqueville, kurzzeitig Außenminister Frankreichs, der im zweiten Band seines Klassikers, Über die Demokratie in Amerika (1840), auf die Zusammenhänge zwischen der neuen, vom Kommerz beherrschten Gesellschaft und der Literatur hinwies. Im XIII. Kapitel, Das literarische Gesicht des demokratischen Zeitalters, heißt es: „Die Demokratie lässt nicht nur den literarischen Geschmack in die Erwerbsklassen eindringen, sie führt den Erwerbssinn in die Literatur ein […]. In den demokratischen Literaturen wimmelt es von Schriftstellern, die in der Literatur nur ein Gewerbe sehen, und auf wenige große Schriftsteller […] kommen Tausende von Ideenverkäufern“.   Bei Honoré de Balzac, der dem Roman als Epochenphänomen zum Durchbruch verhalf, finden wir beides: einen ausgeprägten Geschäftssinn und große Literatur. Er hat das Verdienst, die entstehende bürgerliche Gesellschaft mit ihrem Banken- und Börsenwesen, ihrem Fabriksystem und den neuen,  geschäftigen Menschentypen eindringlich zu schildern, nicht nur in der hektischen Metropole Paris  mit ihren täglich erfahrbaren Veränderungen, sondern auch in der Provinz. Seine Romane erschienen zuerst, auf Fortsetzung angelegt, in Tageszeitungen. Seit der Erfindung der Schnellpresse in den 1820er Jahren wurden auch Journale mit ihren täglichen Neuigkeiten und Sensationen zu einem Medium der Literatur.

In Deutschland gehörte die Romantrilogie von Gustav Freytag, Soll und Haben zu den frühen Werken der Beschreibung bürgerlicher Lebensweisen und des von Banken und Börsen bestimmten Wirtschaftsgebarens. Theodor Fontanes Romane aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts,  schildern das wilhelminisch-preußische Kaiserreich in vielen Facetten, zumal denen von Militär und Adel. Die Sozialkritik und Brüchigkeit mancher Strukturen geht im breiten Erzählstrom oft unter. Deutlicher wurde in den späten 1880er und -90er Jahren Gerhart Hauptmann mit seinen Dramen, vor allem Die Weber. Der Stoff ging auf den Aufstand der schlesischen Weber in Peterswaldau, 1844, zurück. Im Jahr 1901 erschien Thomas Manns Buddenbrooks. Verfall einer Familie – ein Panorama der sozialen, politischen und kulturellen Bedingungen und Lebensweisen im bürgerlichen Zeitalter über drei Generationen.

3. Literatur als geistige Waffe. Weimarer und Bonner Republik 

Der Erste Weltkrieg führte gleich zu Beginn, August 1914, zu einer Wasserscheide unter den Schriftstellern im Hinblick auf ihr Engagement für oder gegen Frankreich.  Hier die deutsche Kultur, dort die französische Zivilisation mit ihren „Asphalt-Literaten“ (Anm.1). In seinen zuerst im November 1914, zu Beginn des Frankreichfeldzuges, in der Neuen Rundschau, der repräsentativen Literaturzeitschrift, veröffentlichten Gedanken im Kriege ging Thomas Mann ausführlich auf diesen Gegensatz ein. Die Betrachtungen eines Unpolitischen, an denen er im Weltkrieg schrieb, führten das Thema weiter aus: in weltgeschichtlicher, zivilisations- und demokratiekritischer Perspektive. 

In diesem Werk habe er sich, wie er 1940 vor Studenten der Universität Princeton ausführte, “dem, was ich ‚Demokratie’ nannte, nämlich die Politisierung des Geistes im Namen der Kultur und sogar der Freiheit, aus allen Kräften widersetzt“. Es sei das Werk einer tiefen Krise gewesen. „Kurzum, das demokratische Bekenntnis drängte sich auf die Lippen und wollte abgelegt sein. Ich danke es meinem guten Genius, dass ich es  nicht zurückhielt“. Thomas Mann wurde zu einem Fürsprecher der Weimarer Republik. In der Rede zum 60. Geburtstag seines Bruders Heinrich, Vom Beruf des deutschen Schriftstellers in unserer Zeit, sprach er von „staatlich-gesellschaftlicher Anerkennung, Einbeziehung und Sichtbarmachung der Literatur durch den neuen republikanischen Staat“.

In der Bonner Republik kann von „Sichtbarmachung der Literatur“ durch politische Repräsentanten zunächst keine Rede sein. Die Werke von Heinrich Böll (Anm. 2), die die Nachkriegszustände so schilderten, dass sie auch die vorausgehende Naziherrschaft und ihren Ungeist mit einbezogen, waren kaum dazu angetan, in der konservativen, von den Kirchen restaurativ mit geprägten Bonner Republik Zustimmung bei der Machtelite zu finden. Das änderte sich erst seit Mitte der 1960er Jahre, zumal mit der Kanzlerschaft von Willy Brandt ab 1969. Dieser waren seit 1965 die Aufsehen erregenden Wahlkampfreden des inzwischen weltberühmten Schriftstellers Günter Grass

vorausgegangen, der mit selbst gemalten Plakaten für die Es-Pe-De durch die Lande zog – und sich als „Blechtrommler“ beschimpfen lassen musste (wie ich es in Münster 1965 erlebt habe; andernorts wurde er mit Tomaten und Eiern beworfen).

4. Adorno zum Engagement von Literatur und zur Autonomie der Lyrik

In zwei Essays ging Theodor W. Adorno der Frage nach, wie das gesellschaftliche Engagement von Schriftstellern zu beurteilen ist (Noten zur Literatur III) und ob und wie durch Lyrik Distanz von  der Gesellschaft gewonnen werden kann (Noten zur Literatur I). Der Essay Engagement, zuerst 1962 in der Neuen Rundschau erschienen, ist eine Auseinandersetzung mit Jean-Paul Sartres Was ist Literatur? (frz. 1948; dt. rde 1958), sowie mit dessen Theaterstücken und denen von Bertolt Brecht.   

Es sei Sartre darum gegangen, Kunst überhaupt, nicht nur die Literatur, aus dem Pantheon der bloßen Anschauung und Verehrung herauszuholen und sie der gesellschaftlichen Aktualität und ihren geistigen und politischen Auseinandersetzungen auszusetzen. Adorno bestreitet die Prämisse Sartres – hier Engagement, dort l’art pour l’art –,  weil sie die jedem Kunstwerk innewohnende Verselbstständigung, auch gegenüber dem Schöpfer bzw. Autor, unterschlage. Diese „Verselbstständigung der Kunst gegen das Reale“ gelte für Literatur so lange, wie sie nicht zu reinen Propagandazwecken verfasst sei. Aber letztlich erwarte sich Sartre keine Veränderung der Welt durch die Literatur – eine Position, die später auch Marcel Reich-Ranicki einnahm. Wie bereits angeführte Beispiele belegen, kann diese Position bestritten werden.

Sehr deutlich wird Adorno in seiner Auseinandersetzung mit den um 1960 noch viel gespielten Theaterstücken Sartres. Sein Engagement gleite in die bloße Gesinnung ab, dem „extremen Subjektivismus seiner Philosophie gemäß, in der trotz aller materialistischen Untertöne die deutsche Spekulation nachhallt“. Gemeint ist Sartres Philosophie des Existentialismus, des „Geworfenseins“ in die Existenz, sowie seine Abhängigkeit von Heidegger. Adorno expliziert das an einem der bekanntesten Stücke Sartres, Geschlossene Gesellschaft (uraufgeführt in Paris1944), in dem es am Schluss heißt: „Die Hölle, das sind die anderen“. Das klinge wie ein Zitat aus seinem philosophischen Hauptwerk, Das Sein und das Nichts (der Titel ist eine Anspielung auf Heideggers Sein und Zeit).

In einer Rede über Lyrik und Gesellschaft (1957) bezeichnet Adorno Lyrik als „eine Sphäre des Ausdrucks, die ihr Wesen geradezu daran hat, die Macht der Gesellschaft sei’s nicht anzuerkennen, sei’s, wie bei Baudelaire oder Nietzsche, durchs Pathos der Distanz zu überwinden“. Die Versenkung ins Individuierte „erhebe das lyrische Gedicht dadurch zum Allgemeinen, dass es Unentstelltes, Unerfasstes, noch nicht Subsummiertes in die Erscheinung setzt und so geistig etwas vorwegnimmt von einem Zustand, in dem kein schlecht Allgemeines, nämlich zutiefst Partikulares mehr das andere, Menschliche fesselte“. Die „rückhaltlose Individuation“ kann allerdings Schiffbruch erleiden, da das lyrische Ich keine Macht darüber hat, „ob sie nicht in der Zufälligkeit der bloßen abgespalteten Existenz verharrt“ (über Lyrik als Charakteristikum einer Epoche vgl. Anm. 3).

Adorno vertraute darauf, dass das lyrische Ich bei der gesuchten Ferne zum schlechten Allgemeinen beitragen kann, die gesellschaftliche Situation zu verbessern. Die Philosophie und Soziologie der Frankfurter Schule – repräsentiert durch Max Horkheimer und Theodor W. Adorno – hatte zum Ziel, durch Aufklärung das falsche Bewusstsein von sich selbst und über die gesellschaftlichen Zustände zu überwinden. Daran müssen auch Literatur und die Künste mitwirken. Adorno lobte diesbezüglich die Lyrik des spanischen Dichters Federico Garcia Lorca, den die Schergen Francos 1936 ermordeten, und Gedichte von Bertolt Brecht, „dem sprachliche Integrität zuteil ward, ohne dass er den Preis des Esoterischen hätte entrichten müssen“.

5. Die gesellschaftliche Interessenvertretung der Literatur

Das Verhältnis von Literatur und Gesellschaft wird institutionell repräsentiert durch zwei Interessenvertretungen für Schriftsteller, den PEN-Club und den Verband Deutscher Schriftsteller. 1921 wurde in London durch Initiative der Schriftstellerin Caterine Scott ein Club der Poets, Essayists und Novellists, abgekürzt PEN, gegründet. Der Name war klug gewählt, denn engl. pen heißt Feder, das uralte Instrument der Schreibenden. Zu den frühen Mitgliedern gehörten die renommierten Autoren Joseph Conrad, George Bernard Shaw und H. G. Wells. Der PEN-Club fand schnell internationale Verbreitung.

Dem PEN-Club trat der 1969 in Köln gegründete Verband Deutscher Schriftsteller an die Seite. Es waren prosperierende Zeiten, so dass Heinrich Böll in seiner Eröffnungsrede ein „Ende der Bescheidenheit“ einfordern konnte. Böll führte u. a. aus: „Wir, die Schriftsteller, sind tarifge- gebundene Mitarbeiter einer Großindustrie“. Er hätte mit Adorno und Horkheimer auch von „Kulturindustrie“ sprechen können. Was Walter Benjamin über das Kunstwerk ganz allgemein ausgeführt hat: dass es der technischen Reproduzierbarkeit unterworfen ist, gilt in hohem Maße für das gesprochene und geschriebene Wort des Schriftstellers: es unterliegt der technischen, nun vor allem der digitalen Vermittlung und Reproduktion. Damit stellen sich Probleme der Verbreitung und der Vergütung schriftstellerischer Arbeit ganz neuer Art.

Heute, in einer völlig anderen gesellschaftlichen Situation, könnte die Forderung Bölls so nicht mehr erhoben werden. Die ökonomische Situation der Schriftsteller ist enorm angespannt. Von ihr sprach der Karlsruher Schriftsteller Matthias Kehle in einem Interview mit Sabine Rahner im Badischen Tagblatt am 1. April dieses Jahres. Von den ca. 400 Schriftstellern in BadenWürttemberg könne, so Kehle, die große Mehrzahl nicht von ihren Honoraren leben. Er betonte auch, dass sich vor allem kleinere Verlage in einer äußerst schwierigen Situation befänden. „Wenn sich der Kulturbetrieb nach der Krise wieder berappelt, wird damit zu rechnen sein, dass die öffentliche Hand einsparen muss. Und wo macht sie das? Bei der Kultur“.

6. Ausblick Literatur und Gesellschaft – das ist, mit Theodor Fontane gesprochen, „ein weites Feld“

Auf diesem weiten Feld: von der erzählenden zur dramatischen, von der erbauenden bis zur fiktiven, von der historisch-romanhaften bis zur utopischen Literatur konnte nur wenig beackert werden. 

Wenn der Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel, der in diesem Jahr wie Beethoven und Hölderlin seinen 250. Geburtstag hat, von der Philosophie sagte, sie sei ihre Zeit in Gedanken  gefasst, dann gilt das in hohem Maße auch von der Literatur. Wollen wir uns der Moral und Sitte, der Bräuche und Lebensgewohnheiten einer bestimmten Epoche vergewissern, dann empfiehlt es sich, repräsentative Literatur dieser Zeit oder für diese Zeit heranzuziehen. Für den Dreißigjährigen Krieg wären das vielleicht der Grimmelshausen und die großartige Darstellung von Golo Mann in seinem Wallenstein, und nun auch „Tyll“ von Daniel Kehlmann. Für das bürgerliche Zeitalter wurden Honoré de Balzac, Theodor Fontane und Thomas Mann genannt. Und für die Jetztzeit? In dem Maße, wie die Welt komplexer, die sozialen Schichten und Klassen differenzierter und die Lebensgewohnheiten teils individualistischer, teils durch die mediale und digitalisierte Welt mit ihren Netzwerken einheitlicher geworden sind, ist das viel schwieriger. 

Diese Beispiele zeigen auch, um abschließend des Soziologen Max Weber zu gedenken, der vor einhundert Jahren an der damaligen Pandemie, der Spanischen Grippe, verstarb: Wenn das Licht, das auf bedeutende Kulturerscheinungen geworfen wurde, weiter gezogen ist, dann muss sich auch die Literatur darauf einstellen und die eigene und vergangene Epochen neu ausleuchten – als Variation eines Themas ohne Grenzen: der conditio humana.

Anmerkungen 1) Der herabsetzende Ausdruck „Asphalt-Literat“ wurde bereits auf Heinrich Mann angewandt. Zu trauriger Berühmtheit gelangte er durch die Rede von Propagandaminister Joseph Goebbels bei der Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz am 10. Mai 1933, als er damit Werke der „wurzellosen Großstadtliteratur“ brandmarkte.

2) Zu denken ist an folgende Romane von Heinrich Böll: Wo warst Du Adam (1951); Haus ohne  Hüter (1953); Billard um halb zehn (1959); Ansichten eines Clowns (1963; der Vorabdruck in der Süddeutschen Zeitung hatte bereits zu heftigen Kontroversen geführt); Frauen vor Flusslandschaft (1985; Bölls letzter Roman).

3) Eduard Schäfers, Die Poesie und ihre gesellschaftliche Bedeutung. Ein Überblick zu deutschsprachigen Gedichten durch die Jahrhunderte, Cuvillier Verlag, Göttingen 1919

Bernhard Schäfers war bis zu seiner Emeritierung Leiter des Instituts für Soziologie der Universität Karlsruhe (TH; jetzt: KIT)

HIER können Sie den Essay als PDF runterladen.

Wegen der Coronakrise verschoben: Michael Woll: Zackern an der Tradition. Celans Hölderlinlektüren | 17.11.2020

17. November 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Hölderlin begleitet Paul Celan bis zu seinem letzten Band Lichtzwang, aus dem er 1970 zu Hölderlins 200. Geburtstag liest. Wenige Wochen später nimmt er sich in Paris das Leben, auf dem Schreibtisch findet man eine aufgeschlagene Hölderlin-Biographie.

Die Nähe zwischen beiden ist alles andere als selbstverständlich. Celan, dessen Eltern von den Nationalsozialisten ermordet wurden, muss seinen Hölderlin gegen eine Rezeption gewinnen, zu der die Gründung der Hölderlin-Gesellschaft 1943 unter Schirmherrschaft von Joseph Goebbels gehört. Erst in Auseinandersetzung mit dieser Vereinnahmung kann er die Freiheit gewinnen, poetisch Stellung zu Hölderlin zu beziehen.

Wo ein Zeitgenosse spottete, »Hölderlin, wie immer halb verrückt, zackert auch am Pindar«, wendet Celan das ›zum Acker gehen‹ als Gemeinsamkeit der Dichter ins Positive: »und zackere an / der Königszäsur / wie Jener / am Pindar«. Die Lektüre von Gedichten wie Andenken und Ich trink Wein zeigt Celans Umgang mit Hölderlin als Teil dieser mühevollen Spracharbeit.

Dr. Michael Woll, geb. 1985, wiss. Mitarbeiter im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Studium der Germanistik und Mathematik. Lehre in: Osnabrück, Karlsruhe und Nantes/Frankreich. Zuletzt erschienen: Hofmannsthals »Der Schwierige« und seine Interpreten, Wallstein Verlag, 2019.

Foto: © Chris Korner

Wegen der Coronakrise verschoben: Walter Grasnick im Gespräch mit Wilm Hüffer: Der Wille im Recht | 22.09.2020

22. September 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Auch diese Veranstaltung mit einem Vorbehalt: Möglicherweise müssen wir sie wegen der Coronakrise absagen. Der Wille im Recht spielt auf allen Rechtsgebieten eine meist entscheidende Rolle. Man denke nur an die Gesetze oder den Gesetzgeber. Schnell ist z.B. das Strafrecht mit dem Urteil bei der Hand, dass ein Täter dieses oder jenes habe tun wollen. Das er tatsächlich gewollt habe, was er getan hat – und dafür zu verurteilen sei.

Doch woher wissen Richter, Staatsanwälte, Anwälte oder die Polizei, was angeblich „im Kopf des Täters“ vor sich gegangen ist? Worauf beruht jeweils ihre Meinung? Sprechen nur sogenannte Indizien dafür? Oder ist es eine Konstruktion? Schnell gerät das Urteil vom Willen oder Vorsatz des Täters in schwierige Grauzonen, wie der NSU-Prozess oder andere große Verfahren der Rechtsgeschichte zeigen.

Prof. Dr. Walter Grasnick war Oberstaatsanwalt in Düsseldorf und lehrte Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Philipps-Universität Marburg.

Dr. Wilm Hüffer ist Journalist und als Moderator und Redakteur für geisteswissenschaftliche Themen tätig bei SWR2.

Foto: privat

Wegen Coronakrise verschoben: Eike Gebhardt: Jürgen Habermas – Philosophie als Utopie? | 27.10.2020

27. Oktober 2020 20.15 Uhr Spiegelsaal Kurhaus Baden-Baden

Jürgen Habermas ist einer der weltweit bekanntesten Philosophen. Und zweifellos ein schwieriger Autor. Bis heute lautet die Frage: Was treibt ihn eigentlich um? Früh kritisierten ihn Vertreter der Frankfurter Schule, er habe die Skepsis der Kritischen Theorie verraten.

War die Theorie des Kommunikativen Handelns am Ende nur ein politisch unverbindliches philosophisches Glasperlenspiel? Es ist Zeit für eine gründliche Neubewertung: Immer scheint Habermas auf dem Weg zu einer Legitimierung der modernen, auf Vernunft gegründeten Gesellschaft. Er versucht ihr Vernunftpotential in der alltäglichen Kommunikation und den daraus folgenden Entscheidungsprozessen zu retten. Und möchte sie mit religiösen Traditionen versöhnen, wie in seinem jüngst erschienenen Buch Auch eine Geschichte der Philosophie (Suhrkamp).

Verbirgt sich in seinem Werk womöglich eine radikale Vision? Eine Idee, die sich bewusst zahm gibt, sich verschlüsselt, um nicht radikale Widerstände zu provozieren? Ist Jürgen Habermas am Ende – ein Utopist?

Dr. Eike Gebhardt, geb. 1942, Studium der Amerikanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften an der FU-Berlin und der Yale University, Promotion 1972 (M.A.; Ph. D.). Er war 13 Jahre Hochschullehrer, zuletzt als Professor an der City University of New York, Graduate School. Eike Gebhardt lebt heute in Berlin.

Foto: © C. Giese

Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929 | 12.11.2019

Ernst Cassirer, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein und Walter Benjamin: Die vier großen Philosophen lösen in den Jahren der Weimarer Republik einen Gedankenschub aus, der die Philosophie aus Sicht von Wolfram Eilenberger bis heute prägt und ihre bedeutenden Denkrichtungen hervorgebracht hat: den Existenzialismus, die Hermeneutik, die Sprachphilosophie und die Dekonstruktion.

Als Zauberer sieht Eilenberger die vier philosophischen Klassiker, weil sie ihr eigenes Denken in radikalen Lebensentwürfen und sei es selbst auf teils fatale Weise glaubwürdig verkörpert hätten. „Denkpersonen“, wie sie der Gegenwart leider fehlten.

„Wenn das Buch Zeit der Zauberer eines zeigt, dann dass Leben und Philosophieren, die Gestaltung des eigenen Lebens und die Durchdringung dieses Lebens mit Gedanken nicht getrennte Bereiche sind und das ist etwas, was wir in der heutigen akademischen Philosophie kaum noch sehen“, so Eilenberger.

Dr. Wolfram Eilenberger, geb. 1972, Philosoph und Publizist, lehrte an der University of Toronto (Kanada), der Indiana University (USA) und an der Berliner Universität der Künste. Ab September 2019 auch an der ETH Zürich. Er ist Gründungschefredakteur des „Philosophie Magazins“, moderiert im Schweizer Fernsehen die „Sternstunden der Philosophie“ und ist Programmleiter der phil. cologne sowie des Berliner Verlags Nicolai Publishing & Intelligence. Sein Buch Zeit der Zauberer (Klett Verlag 2018) wird in mehr als 20 Sprachen übersetzt.